Sommer-Notiz — ein See zwischen zwei Ländern

Heute war es mir danach, mit der Community einmal Urlaubsgedanken zu teilen. Denn es gibt Orte, die man so oft besucht, dass sie aufhören, Reiseziel zu sein, und anfangen, ein zweites Zuhause zu werden. Der obere Lago Maggiore ist für mich ein solcher Ort, und darum soll es in diesem Stück gehen. Über die Jahre bin ich immer wieder hierhergekommen — zuerst als Kind mit meinen Eltern, später mit meiner Frau, inzwischen mit unseren Kindern. Drei Generationen, derselbe See. Und während die meisten Besucher zur Postkartenkulisse rund um Stresa und die Borromäischen Inseln strömen, führt unser Weg an das ruhigere Ostufer, dorthin, wo Italien schon fast die Schweiz berührt.

Ein See, zwei Welten

Der Lago Maggiore ist nach dem Gardasee der zweitgrößte See Italiens: gut 65 Kilometer lang, an seiner tiefsten Stelle 372 Meter, eingebettet zwischen den Alpen und der oberitalienischen Ebene. Was viele nicht wissen: Sein nördliches Fünftel gehört gar nicht zu Italien, sondern zur Schweiz, zum Kanton Tessin. Genau dieser Grenzcharakter macht den Reiz aus. Innerhalb einer halben Stunde wechselt man von einer italienischen Seepromenade in ein Tessiner Bergdorf, von Lira-Erinnerungen und Espresso-Lautstärke zu Schweizer Ordnung und Polenta mit Luganighe. Zwei Kulturen, ein Wasser.

Das milde Mikroklima, das die Berge erzeugen, lässt hier eine Vegetation gedeihen, die man eher am Mittelmeer vermutet: Palmen, Kamelien, Magnolien, Zitronenbäume. Im Frühjahr, wenn Azaleen und Kamelien blühen, ist der See am schönsten; der Herbst mit seinem goldenen Licht ist ein gut gehütetes Geheimnis. Der Sommer gehört dem Wasser — und, wer es weiß, dem oberen Ufer.

Maccagno und das obere Ostufer

Unser Ankerpunkt war schon immer und ist weiterhin Maccagno, ein kleines Dorf in der Provinz Varese, das sich in zwei Teile gliedert: Maccagno Inferiore direkt am Wasser und Maccagno Superiore, etwas höher gelegen, mit weitem Blick über den See zum gegenüberliegenden Westufer. Der Ort trägt mehr Geschichte, als seine Größe vermuten lässt. Schon 962 verlieh Kaiser Otto I. der Gemeinde nach seinem Italienzug das Münzrecht und eine eigene Gerichtsbarkeit — bis heute heißt das Hafenviertel „La Zecca”, die Münze.

Wer Maccagno kennt, kennt nicht den Trubel von Stresa, sondern die leiseren Dinge: den Fluss Giona, der mitten durch den Ort zum See läuft, den Wochenmarkt im nahen Luino, der jeden Mittwoch Tausende anzieht, und vor allem das Hinterland. Hinter dem Dorf öffnet sich das Valle Veddasca, ein Tal mit alten Steinhäusern, Kastanienwäldern und Bergdörfern, von denen manche heute fast verlassen sind. Eine lange Treppe führt hinauf nach Monteviasco, einem ehemaligen Bauern- und Schmugglernest — denn die Nähe zur Grenze hatte hier über Jahrhunderte ihren eigenen, nicht immer legalen Wirtschaftszweig. Oberhalb liegt der Lago Delio, ein Bergsee mit Käserei und einem Panorama, das die Mühe der kurvigen Auffahrt mehr als aufwiegt. Wer mag, fährt weiter über die Alpe di Neggia hinüber ins Tessin — ein Grenzübergang auf knapp 1.400 Metern, wie ihn sich kaum jemand vorstellt, der den See nur von der Uferstraße kennt.

Was den See ausmacht

Das Fährennetz ist hervorragend ausgebaut; ein Tagesticket der Navigazione lohnt sich, um den See vom Wasser aus zu erleben, statt im Uferverkehr zu stehen. Kulinarisch treffen hier piemontesische Küche, lombardische Frische und Tessiner Einflüsse aufeinander. Auf keiner Karte fehlen die Seefische — Lavarello und Pesce Persico, Felchen und Flussbarsch, meist schlicht in Butter und Salbei gebraten. Dazu ein Ghemme oder Gattinara aus dem nahen Piemont, und der Sommerabend ordnet sich von selbst.

Wer den klassischen Lago Maggiore sehen will, fährt natürlich trotzdem einmal hinüber: zu den Borromäischen Inseln vor Stresa, zur „Königin des Sees” mit ihren Belle-Époque-Hotels, oder ins Schweizer Ascona und Locarno mit der Piazza Grande. Aber die Orte, an die man zurückkehrt, sind selten die berühmten.

Ein leiser Nachgedanke

Es ist kein Zufall, dass es so viele Deutsche an genau diesen See zieht — und dass viele bleiben wollen. Auf der Schweizer Seite, im Tessin Richtung Lugano, lockt eine wohlhabende, mediterran gewärmte Ecke der Schweiz, die für manche auch aus steuerlichen Gründen attraktiv ist. Die italienische Seite gilt als die erschwinglichere Variante — wobei „günstig” ein relativer Begriff geworden ist; auch hier sind die Preise für Häuser am und über dem See längst keine Schnäppchen mehr. Der Gedanke an einen Zweitwohnsitz oder gar einen späteren Lebensmittelpunkt liegt hier näher als am Bodensee, und er folgt einer eigenen Logik aus Lage, Klima und Grenznähe.

Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag. An einem Sommerabend in Maccagno, wenn das Licht über dem Wasser kippt und drüben am Westufer die ersten Lichter angehen, denkt niemand an Steuersätze. Da ist der See einfach nur der See — und der Grund, warum man immer wiederkommt.


 

Eine persönliche Sommer-Notiz von mir mit privaten Erinnerungen und Bildern einmal abseits der üblichen Analysen. Wer eigene Lieblingsorte am Lago Maggiore oder im Tessin hat, darf sie gern teilen.