(KI-generiertes Bild)

Kupons und Dividenden als planbares Zusatzeinkommen – so lautet die Antwort der Longevity-Studie auf die demografische Lücke. Der Gedanke trägt weiter, als seine Kritiker meinen. Aber nicht aus den Gründen, die die Studie nennt.

 

Im ersten Teil (Ihr Ruhestand dauert länger, als Ihre Planung annimmt) ging es um die Diagnose: mehr Lebensjahre, weniger Arbeitsjahre, unruhigere Erwerbsbiografien. Daran ist wenig zu rütteln. Jetzt geht es um die Therapie, die Dr. Hans-Jörg Naumer von Allianz Global Investors daraus ableitet – und die verdient eine genauere Prüfung, als sie üblicherweise bekommt.

Sie lautet: Kapitaleinkommen. Ein laufender Strom aus Kupons und Dividenden, der wie ein zweites Gehalt wirkt. Auszeiten überbrücken, Teilzeitphasen abfedern, die Rentenzeit stabilisieren. Das klingt einleuchtend. Die Frage ist, ob und wann die Rechnung dahinter aufgeht.

Um die Dimension zu sehen: Für 2026 erwartet Allianz Global Investors allein für die Unternehmen des STOXX Europe 600 Ausschüttungen von rund 454 Milliarden Euro – gut vier Prozent mehr als im Vorjahr. Es geht hier also nicht um eine Randerscheinung, sondern um den größten regelmäßigen Zahlungsstrom, den der europäische Kapitalmarkt kennt.

Die Zahl, die alle zitieren werden

Die Publikation liefert das eingängige Beispiel gleich mit. Wer vor zehn Jahren 100.000 Euro breit in europäische Standardwerte investiert hätte – als Näherung dient der STOXX Europe 600 –, hätte kumuliert über 40.000 Euro an Dividenden vereinnahmt, während der Kurswert auf rund 160.000 Euro gestiegen wäre. Über 40 Prozent des eingesetzten Kapitals, ausgezahlt, on top.

Diese Zahl wird ihren Weg in viele Beratungsgespräche finden. Sie ist auch nicht falsch. Nur legt ihre Darstellung eine Vorstellung nahe, die ökonomisch nicht haltbar ist: dass die Dividende ein Zusatzertrag neben der Kursentwicklung sei. Ein Bonus, der einfach so anfällt.

Das ist sie nicht. Am Tag der Ausschüttung verlässt Geld das Unternehmen, und der Kurs gibt exakt um diesen Betrag nach. Der Vergleich in der Publikation stellt einem Kursindex – also einem Index ohne Dividenden – die kumulierten Ausschüttungen gegenüber. Das ist rechnerisch korrekt, weil beides zusammen die Gesamtrendite ergibt. Es verführt aber zu dem Schluss, man könne den Kurswert behalten und die Dividende ausgeben. Kann man nicht. Eine Dividende ist ökonomisch eine Teilliquidation der Beteiligung – der Anleger bekommt sein eigenes Geld zurück, nur eben ohne selbst entschieden zu haben, wann.

Das ist keine akademische Spitzfindigkeit. Es entscheidet darüber, ob man ein ausschüttungsorientiertes Depot als Einkommensquelle oder als Entnahmeverfahren begreift. Und die Antwort lautet: als Entnahmeverfahren.

Die eigene Grafik als Kronzeuge der Gegenseite

Der interessanteste Beleg gegen die These steht in der Publikation selbst. Abbildung 5 stellt den S&P 500 und den STOXX Europe 600 nebeneinander, jeweils Kursindex und kumulierte Dividenden über zehn Jahre, Stand 20. April 2026.

Auf der europäischen Seite sieht man das oben beschriebene Bild: solide Ausschüttungen, moderater Kursanstieg auf rund 160.000 Euro. Auf der amerikanischen Seite steht der Kursindex am Ende bei ungefähr dem Dreifachen des Einsatzes – bei Ausschüttungen, die in einer ähnlichen absoluten Größenordnung liegen wie in Europa.

Anders gesagt: Wer über die vergangenen zehn Jahre auf laufende Ausschüttung optimiert hat, ist erheblich schlechter gefahren als wer auf Gesamtrendite gesetzt hat. Die Differenz beträgt ein Vielfaches der gesamten Dividendensumme. Die Publikation zeigt das, kommentiert es aber nicht.

Man muss dazu fairerweise zwei Dinge sagen. Erstens ist das eine Vergangenheitsbetrachtung, was die Autoren selbst betonen; die vergangenen zehn Jahre waren eine historisch außergewöhnliche Phase für US-Technologiewerte. Zweitens erklärt sich die Schwäche vieler Dividendenstrategien strukturell: Sie gewichten reife Geschäftsmodelle stärker und sind in Boomphasen seltener bei den großen Gewinnern investiert. Zudem steuern viele Unternehmen ihre Ausschüttungen zunehmend über Aktienrückkäufe – wer nur auf die Dividendenrendite schaut, sieht einen schrumpfenden Ausschnitt dessen, was tatsächlich an die Aktionäre zurückfließt.

Nichts davon macht Dividenden schlecht. Es macht sie nur zu dem, was sie sind: ein Bestandteil der Gesamtrendite, kein eigener Renditetreiber.

Die Leerstelle, die deutsche Anleger leider am meisten kostet

In der gesamten Publikation kommt das Wort Steuern nicht vor. Für eine Argumentation, die auf laufende Ausschüttungen setzt, ist das eine bemerkenswerte Auslassung – denn hierzulande ist genau das der teuerste Teil.

Jede Ausschüttung ist ein steuerpflichtiger Zufluss. Was über Sparerpauschbetrag und Teilfreistellung hinausgeht, wird sofort belastet, und der belastete Betrag arbeitet nicht mehr weiter. Bei einer thesaurierenden Struktur bleibt der Ertrag dagegen weitgehend im Vermögen und wird erst bei Verkauf besteuert – abzüglich der Vorabpauschale, die nur einen Teil vorwegnimmt. Über zwanzig oder dreißig Jahre summiert sich diese Steuerstundung zu einem Betrag, der jede Diskussion über einen halben Prozentpunkt Dividendenrendite in den Schatten stellt.

In der Ansparphase ist eine ausschüttungsorientierte Strategie deshalb systematisch der teurere Weg. In der Entnahmephase kehrt sich das Bild teilweise, aber nicht vollständig um: Dort will man ohnehin Geld entnehmen, und wer verkauft, versteuert nur den Gewinnanteil – nicht den gesamten Zufluss wie bei der Dividende. Rein steuerlich hat der gesteuerte Teilverkauf also selbst im Ruhestand die Nase vorn.

Und trotzdem: Warum das Argument keinesfalls erledigt ist

Wer hier aufhört, hat es sich zu einfach gemacht. Denn die stärkste Begründung für ein ausschüttungsorientiertes Portfolio ist keine finanzmathematische, sondern eine verhaltensökonomische: Ein Anleger, dem im März 2020 oder im Herbst 2022 monatlich Geld aufs Konto fließt, muss keine Verkaufsentscheidung treffen. Er muss nicht in ein fallendes Depot hineingreifen und Anteile abgeben. Genau diese Entscheidung ist es, an der Entnahmepläne in der Praxis scheitern: Die Theorie sagt, in schwachen Jahren weniger zu entnehmen und ansonsten stur weiterzumachen. Die Praxis sagt, dass Menschen im Einbruch verkaufen, aussteigen oder das Konzept ganz aufgeben.

Ein Cashflow, der von selbst kommt, nimmt diese Entscheidung aus der Gleichung. Das ist ein realer Vorteil, und er ist unter Umständen mehr wert als die steuerliche Ineffizienz kostet – nicht für jeden, aber für viele. Naumers praktischer Hinweis geht in dieselbe Richtung: Ausschüttungen über die Monate zu verteilen und Kursgewinne teilweise mit auszuschütten, damit sich überhaupt monatlich kalkulieren lässt. Denn deutsche Unternehmen zahlen typischerweise einmal jährlich, amerikanische quartalsweise – ein „zweites Gehalt” entsteht daraus erst durch Konstruktion.

Wo die Publikation dann allerdings vage wird: Die monatlichen Ausschüttungen sollen prozentual so festgelegt werden, „dass die Substanz erhalten bleibt”. Wie hoch dieser Prozentsatz ist, unter welchen Annahmen und was in einem längeren Bärenmarkt geschieht, bleibt offen. Der erwähnte Cash-Puffer aus nicht realisierten Kursgewinnen ist der richtige Gedanke – aber ohne Zahlen dahinter ist er eine Absichtserklärung, keine Strategie. Und das Sequenzrisiko, über das wir hier kürzlich geschrieben haben, verschwindet dadurch nicht. Es wechselt nur die Adresse.

Die Roboter-These – und die Frage, die sie nicht beantwortet

Es gibt einen zweiten Gedanken von Dr. Naumer, der über die Longevity-Studie hinausgeht und den wir für den interessantesten halten. Er lautet sinngemäß: Lassen wir die Roboter für unsere Rente arbeiten. Wenn künstliche Intelligenz und Automatisierung Arbeitseinkommen unter Druck setzen, dann verschiebt sich der Wertschöpfungsanteil vom Faktor Arbeit zum Faktor Kapital. Wer die Unternehmen besitzt, besitzt auch die Maschinen – und partizipiert an genau der Entwicklung, die seinem Erwerbseinkommen zusetzt.

Das ist ein starkes Argument, und es ist unabhängig von der Dividendenfrage gültig. Es begründet nämlich nicht, warum das Kapitaleinkommen ausschütten muss – nur, warum man überhaupt Eigentümer sein sollte. Beteiligung an der Produktivität ist das eine, die Form der Entnahme das andere. Die Studie vermischt beides zu einer Botschaft.

Was daraus für Sie folgt

Fünf Seiten können nicht leisten, was ein Fachbuch leistet. Wer die Publikation liest, bekommt einen Rahmen und eine These – die Belege dafür stehen anderswo, unter anderem in Naumers eigenem Buch, auf das der Text mehrfach verweist. Als Einstieg in ein Thema, das in der Breite noch immer unterschätzt wird, ist das ein guter Dienst. Die Demografie trägt ohnehin; sie ist der solideste Teil und wird viel zu selten so klar erzählt. Der Schritt von dort zur konkreten Anlagekonsequenz ist der, über den man reden muss – und genau dafür führen wir das Gespräch.

Drei nüchterne Mitnahmen für Ihre eigene Einordnung:

      • Erstens: Behandeln Sie Ausschüttungen als Teil der Gesamtrendite, nicht als Zusatzertrag – sonst rechnen Sie sich reicher, als Sie sind.
      • Zweitens: Rechnen Sie die Steuer mit, bevor Sie sich für eine ausschüttende Struktur entscheiden; in der Ansparphase ist sie der teurere Weg.
      • Drittens: Der stärkste Grund für einen laufenden Cashflow ist kein rechnerischer, sondern ein menschlicher – er nimmt Ihnen die Verkaufsentscheidung im schlechtesten Moment ab. Ob das für Sie zählt, hängt weniger von einer Tabelle ab als von Ihrem Temperament.

Unter dem Strich: Der Gedanke des zweiten Gehalts trägt weiter, als seine Kritiker meinen – nur nicht überall aus den Gründen, die zuerst genannt werden. Er ist keine Ertragsmaschine, sondern eine Disziplinhilfe. Wer ihn so versteht, wird ihn richtig einsetzen.

In eigener Sache: Wir sprachen darüber mit Dr. Naumer

Wir belassen es nicht bei der Lektüre. Wir sprachen darüber mit Dr. Naumer am Starnberger See – im Rahmen eines Sommerinterviews im Stil der bekannten Fernsehformate: lockere Kulisse, ernstes Thema, rund zwanzig Minuten über Longevity, Kapitaleinkommen und die Frage, was ein 25-Jähriger heute anders machen sollte als sein Vater.

 

 

Quellen: Allianz Global Investors, „Longevity – länger Geld für ein längeres Leben”, Mai 2026; AllianzGI-Dividendenstudie 2026; Naumer, H.-J. (2025), „Kapitaleinkommen in Zeiten der Disruption”, Springer Gabler. Daten zu Abb. 5: LSEG Datastream, Stand 20. April 2026. Es handelt sich um Vergangenheitswerte bzw. Prognosen; frühere Wertentwicklungen lassen keinen Schluss auf zukünftige Renditen zu. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar.