Die meisten Ruhestandspläne rechnen mit der falschen Zahl. Nicht, weil sie handwerklich schlecht gemacht wären, sondern weil die Statistik, die jeder kennt, für die Planung des eigenen Vermögens denkbar ungeeignet ist. Wer den Unterschied zwischen der Lebenserwartung bei Geburt und der Restlebenserwartung im Alter von 65 nicht kennt, kalkuliert zu knapp – und zwar systematisch.
Die Zahl, die jeder kennt, ist die falsche
Fragt man Menschen mittleren Alters, wie lange sie mit ihrem Vermögen auskommen müssen, fällt fast immer eine Zahl aus der Zeitung: gut achtzig Jahre für Frauen, knapp achtzig für Männer. Diese Werte stammen aus der Sterbetafel und beschreiben die Lebenserwartung bei Geburt. Sie mitteln über alle Todesfälle eines Jahrgangs – auch über jene, die im Säuglingsalter, mit dreißig oder mit fünfzig eintreten.
Für einen Neugeborenen ist das die richtige Auskunft. Für einen 65-Jährigen ist sie es nicht. Er hat sämtliche Sterbewahrscheinlichkeiten der davorliegenden Jahrzehnte bereits hinter sich gelassen. Sie können ihn nicht mehr treffen. Was für ihn zählt, ist die Restlebenserwartung: die Zahl der Jahre, mit denen jemand statistisch rechnen darf, der ein bestimmtes Alter tatsächlich erreicht hat.
Dr. Hans-Jörg Naumer, der bei Allianz Global Investors die Kapitalmarktanalyse verantwortet, hat diesen Zusammenhang in einer aktuellen Publikation zum Thema Longevity auf eine Formel gebracht, die man sich merken sollte: Wer länger lebt, lebt immer länger. Der Satz klingt paradox, beschreibt aber nur die Mechanik der Sterbetafel. Mit jedem gelebten Jahr verschiebt sich der eigene statistische Erwartungswert nach hinten – nicht um ein Jahr, sondern um etwas weniger, aber eben doch. Der Zielpunkt bewegt sich mit.
Was die Kohortenbetrachtung sichtbar macht
Die Publikation zeigt das für Deutschland über einen Zeitraum, der von 1871 bis in die Projektionen des ausgehenden 21. Jahrhunderts reicht. Aufgetragen ist nicht eine Kurve, sondern sechs: die erwartete Gesamtlebensdauer für Menschen, die das Alter null, zehn, fünfundzwanzig, fünfundvierzig, fünfundsechzig und achtzig erreicht haben.
Das Bild ist aufschlussreich. Im 19. Jahrhundert liegen die Kurven weit auseinander – die Kindersterblichkeit drückte den Durchschnitt bei Geburt massiv nach unten, während ein Achtzigjähriger schon damals mit einem hohen Alter rechnen konnte. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts rücken die Linien zusammen, weil die frühen Sterbewahrscheinlichkeiten weitgehend verschwunden sind. Aber sie fallen nicht zusammen. Auch heute liegt die erwartete Gesamtlebensdauer eines 65-Jährigen erkennbar über der eines Neugeborenen desselben Jahres – und die eines 80-Jährigen noch einmal darüber.
Die Größenordnung des Planungsfehlers, der aus der Verwechslung entsteht, liegt damit im Bereich mehrerer Jahre. Bei einer Entnahmeplanung, die ohnehin über zwei bis drei Jahrzehnte läuft, ist das kein Rundungsfehler. Es ist der Unterschied zwischen einem Plan, der trägt, und einem, der im hohen Alter unter Druck gerät – also genau dann, wenn Korrekturen am schwersten fallen.
Hinzu kommt ein zweiter, oft übersehener Punkt: Die Datenlage der Sterbetafel beschreibt die Gesamtbevölkerung. Wer über überdurchschnittliche Bildung, überdurchschnittliches Einkommen und entsprechenden Zugang zu medizinischer Versorgung verfügt, liegt in der Regel darüber. Für die Leser dieser Seiten ist die amtliche Zahl also nicht nur die falsche Kennziffer, sondern zusätzlich noch die konservativere Auswahl aus einer falschen Kennziffer.
Die zweite Schere: weniger Arbeitsjahre
Der Studie zufolge läuft der demografischen Entwicklung eine zweite Bewegung entgegen, und diese Kombination macht das Thema erst planungsrelevant. Während die Zahl der Lebensjahre steigt, sinkt die Zahl der Arbeitsstunden, die ein Erwerbsleben umfasst.
Die Datenreihe reicht bis 1870 zurück. Damals leisteten Arbeitnehmer in Deutschland im Durchschnitt über 3.000 Stunden im Jahr, heute sind es etwa 1.350. Der Rückgang ist in allen betrachteten Industrieländern zu beobachten, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau: Die Vereinigten Staaten liegen deutlich höher, China ebenfalls. Der Trend selbst ist jedoch derselbe – und er ist nicht das Ergebnis einer Krise, sondern gestiegenen Wohlstands.
Parallel dazu verschiebt sich die Struktur der Erwerbsbevölkerung. Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen den Arbeitsmarkt, es rücken weniger Menschen nach. Die Projektionen der UN Population Division zeigen für Deutschland einen Rückgang der Personen im erwerbsfähigen Alter, der sich über Jahrzehnte hinzieht. Als grobe Regel gilt zudem: Je wohlhabender ein Land, desto früher gehen seine Bürger tatsächlich in den Ruhestand – unabhängig davon, was das gesetzliche Regelalter vorsieht.
Zwei Scheren also: Die Lebenszeit dehnt sich, die Erwerbszeit zieht sich zusammen. Was dazwischen liegt, muss finanziert werden.
Warum das Umlageverfahren die Rechnung nicht auffängt
Ein umlagefinanziertes Rentensystem lebt davon, dass die Zahl der Einzahler in einem tragfähigen Verhältnis zur Zahl der Empfänger steht. Genau dieses Verhältnis verschiebt sich – von beiden Seiten gleichzeitig. Mehr Empfänger, länger; weniger Einzahler, kürzer.
Das ist keine politische Aussage, sondern eine arithmetische. Welche Stellschrauben eine Gesellschaft daraufhin bewegt – Beitragssatz, Rentenniveau, Regelaltersgrenze oder Steuerzuschuss – ist eine Frage der politischen Entscheidung und nicht Gegenstand dieses Beitrags. Für die individuelle Planung ist allerdings die Richtung der Anpassung relevanter als ihr genauer Zeitpunkt: Alle vier Stellschrauben wirken für den Einzelnen in dieselbe Richtung. Der Anteil des Gesamteinkommens im Alter, der aus eigenem Vermögen stammen muss, wird tendenziell größer.
Damit wird die private, kapitalgedeckte Vorsorge nicht zur Ergänzung eines im Kern intakten Systems, sondern zu einem eigenständigen Baustein, der eine bezifferbare Lücke schließen muss. Und eine Lücke, die man beziffern will, setzt voraus, dass man die Laufzeit richtig ansetzt – womit wir wieder bei der Restlebenserwartung wären.
Was daraus für die eigene Planung folgt
Drei Konsequenzen liegen auf der Hand, und keine davon ist eine Anlageempfehlung.
Erstens: Wer eine Entnahmeplanung aufstellt, sollte den Zeithorizont nicht am Erwartungswert festmachen, sondern an einem hinreichend hohen Perzentil. Der Erwartungswert bedeutet definitionsgemäß, dass rund die Hälfte aller Betroffenen ihn überschreitet. Ein Plan, der in fünfzig Prozent der Fälle nicht ausreicht, ist kein Plan.
Zweitens: Die Verlängerung des Horizonts verändert das Risikoprofil nicht nur quantitativ. Eine Entnahmephase über dreißig oder fünfunddreißig Jahre ist etwas anderes als eine über zwanzig – vor allem, weil die Reihenfolge der Renditen über einen längeren Zeitraum stärker durchschlägt. Zu diesem Punkt haben wir an anderer Stelle ausführlicher geschrieben: *Die Entnahmephase und das Sequenzrisiko*.
Drittens: Wenn der Horizont länger wird und die gesetzliche Komponente relativ kleiner, rückt die Frage in den Vordergrund, wie aus vorhandenem Vermögen ein verlässlicher, planbarer Zahlungsstrom wird. Das ist eine handwerkliche Frage, keine Frage der Produktauswahl – und sie ist Gegenstand des zweiten Teils dieser Reihe.
Die Frage, die man sich stellen sollte
Am Ende steht eine einzige Prüffrage, die jeder an den eigenen Plan oder an seinen Berater richten kann: Mit welcher Laufzeit ist gerechnet worden, und woher stammt diese Zahl?
Lautet die Antwort „die durchschnittliche Lebenserwartung”, ist der Plan mit hoher Wahrscheinlichkeit zu kurz kalkuliert. Lautet sie „die Restlebenserwartung ab Renteneintritt, zuzüglich eines Sicherheitsaufschlags”, ist zumindest die Grundlage belastbar. Alles Weitere – Struktur, Aufteilung, Entnahmelogik – baut darauf auf. Eine falsche Zahl an dieser Stelle lässt sich durch keine noch so kluge Portfoliokonstruktion später wieder einfangen.
Quelle der Daten und Abbildungen: Allianz Global Investors, Global Capital Markets & Thematic Research, „Longevity – länger Geld für ein längeres Leben” (Mai 2026); zugrunde liegende Daten: UN Population Division, World Population Prospects (2024), Destatis. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und richtet sich an Selbstentscheider. Er stellt keine Anlageberatung, keine Anlagevermittlung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Die frühere Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Entwicklung zu. Der Wert einer Anlage und die Erträge daraus können sinken oder steigen; ein Verlust des eingesetzten Kapitals ist möglich. Demografische Projektionen sind Modellrechnungen und keine Vorhersagen.











