Mit dem ersten Rentenbescheid, so glauben viele, ist die Finanzplanung erledigt. Das Gegenteil ist der Fall. Wer ein Vermögen über Jahrzehnte aufgebaut hat, steht im Ruhestand vor einer Aufgabe, die mindestens so anspruchsvoll ist wie das Ansparen – und über die kaum jemand spricht: Das Ersparte muss so verwaltet werden, dass es nicht vorzeitig aufgebraucht ist. Besonders gilt das für alle, die früher aufhören. Wer mit 60 oder 63 ausscheidet, hat oft dreißig Jahre und mehr vor sich. So lange muss das Kapital tragen.

Genau hier wird ein verbreiteter Reflex zur Falle. Viele ältere Menschen meiden Aktien und ETFs, weil ihnen das Risiko zu groß erscheint oder sie unterschätzen, wie viel Zeit ihnen noch bleibt. Das ist ein Fehler. Ein Anlagehorizont von zwanzig oder dreißig Jahren bietet reichlich Gelegenheit, auch fallende Kurse auszusitzen. Die Börse ist auch im Ruhestand kein Tabu. Nur: Einfach das Depot weiterlaufen zu lassen genügt eben nicht.

Derselbe Crash, zwei völlig verschiedene Wirkungen

Der entscheidende Punkt, den fast jeder übersieht, ist eine Asymmetrie. In der Ansparphase ist ein Kurssturz sogar von Vorteil: Wer regelmäßig spart, kauft bei tiefen Kursen automatisch mehr Anteile und profitiert später von der Erholung. In der Auszahlphase kehrt sich das vollständig um. Wer jeden Monat denselben Betrag entnimmt, muss bei niedrigen Kursen besonders viele Anteile verkaufen – und diese Anteile fehlen, wenn die Märkte wieder steigen.

Fachleute nennen das Sequenzrisiko: Es kommt nicht nur darauf an, welche Rendite ein Depot über die Jahre erzielt, sondern entscheidend darauf, wann die guten und die schlechten Jahre kommen. Ein schwerer Einbruch in den ersten Ruhestandsjahren kann ein Vermögen dauerhaft beschädigen, selbst wenn sich die Märkte danach glänzend entwickeln.

Wie konkret das wird, zeigt eine Beispielrechnung des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung. Angenommen, 500.000 Euro sollen ab 63 für dreißig Jahre reichen. Bei vier Prozent Rendite ließen sich daraus rechnerisch 27.300 Euro im Jahr entnehmen – auf dem Papier. Trifft jedoch früh ein Crash von zwanzig Prozent oder mehr ein, kann dasselbe Vermögen bereits nach rund 22 Jahren aufgebraucht sein. Das Geld wäre weg, obwohl noch viele Ruhestandsjahre vor einem lägen.

Die Lösung liegt nicht im Verzicht, sondern in der Steuerung

Die Konsequenz daraus ist nicht, Aktien zu meiden – das würde nur ein anderes Risiko schaffen, nämlich dass die Kaufkraft über dreißig Jahre von der Inflation aufgezehrt wird. Die Antwort liegt in einer flexiblen Auszahlungsstrategie.

Drei Prinzipien tragen sie. Erstens: Wer die Entnahme an den Markt koppelt, nach einem schlechten Jahr etwas weniger entnimmt und nach einem guten etwas mehr, glättet die Belastung für das Depot erheblich. Eine starre Rate, unabhängig von der Marktlage, ist der gefährlichste Weg. Zweitens hilft es, nur einen Teil des Vermögens – etwa 80 Prozent – fest zu verplanen und den Rest als Puffer zu behandeln, der schwankende Jahre abfedert. Drittens lässt sich der Aktienanteil mit zunehmendem Alter behutsam senken, sodass das Tempo aus dem Risiko genommen wird, ohne ganz auf Renditechancen zu verzichten. Wer zudem etwas vererben möchte, kann diesen Teil in ein getrenntes Depot legen, das anders bewirtschaftet wird als das, aus dem laufend entnommen wird.

Über all dem steht ein Grundsatz, den Finanzplaner immer wieder betonen: Die Auszahlung ist keine einmalige Entscheidung. Sie muss regelmäßig überprüft und an die Kapitalmarktlage angepasst werden. Ein Entnahmeplan, der einmal aufgesetzt und dann sich selbst überlassen wird, ist kaum besser als gar keiner. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur, wie entnommen wird, sondern wer die laufende Steuerung übernimmt.

Der überraschende Trost in den Daten

So bedrohlich das Sequenzrisiko klingt, die langfristige Erfahrung macht Mut – vorausgesetzt, man verwaltet das Kapital klug. Berechnungen des genannten Instituts zeigen, dass die durchschnittliche Entnahme über lange Dreißig-Jahres-Zeiträume trotz aller Schwankungen häufig höher ausfiel als bei einer starren, ängstlich niedrig angesetzten Strategie. Selbst in den schlechtesten Dreißig-Jahres-Fenstern, die der deutsche Aktienmarkt durchlebt hat, reichte das Vermögen den Berechnungen zufolge bis zum Ende des betrachteten Zeitraums. Es zählt eben nicht allein die Höhe der Rendite, sondern auch ihre zeitliche Reihenfolge – und die lässt sich durch eine flexible Entnahme deutlich entschärfen.

Was Sie daraus mitnehmen sollten

Der Ruhestand will nicht nur erspart, sondern auch klug verwaltet sein. Drei nüchterne Lehren ergeben sich daraus. Aktien gehören auch in der Auszahlphase ins Depot, weil der lange Horizont sie tragfähig macht – Angst vor Schwankungen ist der schlechtere Ratgeber als ein durchdachter Plan. Die größte Gefahr lauert nicht im Durchschnitt der Renditen, sondern in einem frühen Einbruch; wer die Entnahme flexibel an den Markt koppelt, nimmt ihm einen Großteil seiner Schärfe. Und entscheidend ist die laufende Steuerung: prüfen, anpassen, nachjustieren – Jahr für Jahr.

Zwei Wege, dieselbe Theorie in die Praxis zu bringen

Was in der Theorie überzeugend klingt, scheitert oft an der Umsetzung – an der Disziplin, in einem schwachen Jahr tatsächlich weniger zu entnehmen, oder schlicht daran, dass im Ruhestand niemand mehr Lust hat, das Depot monatlich zu justieren. Für genau diese Lücke gibt es zwei grundlegend verschiedene Wege.

Wer die laufende Steuerung in professionelle Hände geben möchte, findet sie in einem auf regelmäßige Auszahlungen ausgerichteten Einkommensportfolio innerhalb der Vermögensverwaltung. Ein solches Portfolio ist von vornherein darauf ausgelegt, planbare Erträge zu liefern und die Entnahme über die Marktzyklen hinweg zu steuern – also genau jene Aufgabe zu übernehmen, an der das Sequenzrisiko ansetzt. Die Anpassung nach guten und schlechten Jahren erledigt dann nicht der Ruheständler selbst, sondern die Strategie dahinter.

Wer es lieber in der eigenen Hand behält, kann den umgekehrten Weg gehen: einen einfachen Entnahmeplan auf ein Modellportfolio. Es ist das spiegelbildliche Gegenstück zum Sparplan – nur fließt das Geld nicht mehr hinein, sondern in regelmäßigen Raten heraus, während das Modellportfolio investiert bleibt. Die Höhe der Rate lässt sich anpassen, das jährliche Rebalancing hält die gewählte Risikostruktur stabil. Das ist die schlanke, kostenbewusste Variante für Selbstentscheider, die das Prinzip verstanden haben und es eigenständig umsetzen wollen.

Selbstverständlich kann man sein Portfolio nach diesen beiden Logiken oder einer weiteren auch selbst zusammenstellen und steuern – welcher Weg am Ende der richtige ist, hängt von Temperament, Vermögensgröße und dem Wunsch nach Begleitung ab – nicht von einer pauschalen Regel. Alle aber teilen dasselbe Ziel, das am Anfang stand: dass das Ersparte nicht vor seinem Besitzer aufgibt.