Die Lebenserwartung, mit der die meisten Menschen rechnen, ist nicht ihre eigene. Die neue Longevity-Studie von Allianz Global Investors zeigt, warum das die teuerste Fehlannahme der privaten Ruhestandsplanung ist – und was daraus folgt.
Es gibt einen Satz in der neuen Longevity-Publikation von Allianz Global Investors, an dem man hängenbleibt, weil er zunächst nach einem Denkfehler klingt: „Wer länger lebt, lebt immer länger.” Er stammt aus der Feder von Dr. Hans-Jörg Naumer, der bei der Allianz-Fondstochter das Global Capital Markets & Thematic Research verantwortet. Und er beschreibt eine der folgenreichsten Fehleinschätzungen der privaten Ruhestandsplanung.
Wer länger lebt, lebt immer länger
Wenn von Lebenserwartung die Rede ist, meinen die meisten Menschen die Zahl, die bei ihrer Geburt galt. Für einen heute 60-jährigen Mann in Deutschland liegt dieser Wert bei ungefähr 73 Jahren – ein Jahrgangswert aus den Sechzigern. Wer damit rechnet, plant seinen Ruhestand auf gut ein Jahrzehnt.
Das ist grob falsch, und zwar aus einem simplen Grund: Diese Zahl enthält alle, die vorher gestorben sind. Säuglingssterblichkeit, Unfälle mit dreißig, Krankheiten mit fünfzig. Wer heute mit sechzig am Küchentisch sitzt und seine Finanzplanung macht, hat all diese Wahrscheinlichkeiten bereits hinter sich gelassen. Für ihn gilt die Restlebenserwartung seiner Alterskohorte – und die liegt deutlich höher. Statistisch darf er mit gut zwanzig weiteren Jahren rechnen, seine Frau mit noch mehr. Und wer diese zwanzig Jahre erlebt, für den verschiebt sich die Rechnung erneut nach oben.
Genau das zeigt die Publikation in ihrer aussagekräftigsten Abbildung: die Restlebenserwartung verschiedener Alterskohorten im Zeitverlauf, von 1871 bis in die Prognosen des laufenden Jahrhunderts. Der 65-Jährige und der 80-Jährige haben dabei nicht nur absolut mehr Jahre gewonnen – ihre Perspektive liegt systematisch über dem, was die Geburtsjahrgangs-Statistik nahelegt. Die Daten stammen von der UN Population Division und dem Statistischen Bundesamt und sind für Deutschland ebenso belegt wie für die Europäische Union und global.
Für die Finanzplanung bedeutet das eine unbequeme Verschiebung. Nicht der Rentenbeginn ist die kritische Größe, sondern das Ende. Und dieses Ende wird routinemäßig zu früh angesetzt. Wer mit 63 aufhört und bis 85 plant, hat zweiundzwanzig Jahre kalkuliert. Realistisch sind für ein Paar dieses Alters eher dreißig. Acht Jahre Differenz sind bei einer Entnahme von 2.000 Euro monatlich fast 200.000 Euro – eine Lücke, die keine Rendite mehr schließt, wenn sie erst auffällt.
Weniger Arbeitsjahre bei mehr Lebensjahren
Die zweite Bewegung läuft der ersten entgegen, und sie ist der eigentliche Grund, warum das Thema drängt. Während die Lebenszeit steigt, sinkt die Erwerbszeit.
Die Publikation zeichnet das über einen langen Zeitraum nach: Die durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden pro Arbeitnehmer und Jahr sind in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien und den USA seit 1870 massiv zurückgegangen – von deutlich über 3.000 Stunden auf heute rund 1.300 bis 1.700. Der Trend ist nicht gebrochen, er setzt sich fort. Dazu kommt der demografische Effekt: In Deutschland schrumpft die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, weil die geburtenstarken Jahrgänge den Arbeitsmarkt verlassen und weniger Menschen nachrücken. Die Prognosen der UN reichen bis 2100 und zeigen über den gesamten Zeitraum negative absolute Veränderungen.
Naumer formuliert dazu eine Daumenregel, die man sich merken sollte: Je reicher ein Land, desto früher gehen die Menschen in Rente. Wohlstand wird in Freizeit umgemünzt, nicht in Lebensarbeitszeit. Ökonomisch ist das nachvollziehbar. Für ein umlagefinanziertes Rentensystem, das von der Relation zwischen Einzahlern und Empfängern lebt, ist es die denkbar ungünstigste Kombination.
Die Erwerbsbiografie verliert ihre gerade Linie
Es gibt eine dritte Entwicklung, die in der Publikation eher beiläufig auftaucht, für die Planungspraxis aber vielleicht die interessanteste ist: Erwerbsbiografien werden unruhiger.
Mehr Wechsel, mehr Übergänge, mehr Phasen außerhalb klassischer Vollzeit. Dazu ein Wertewandel, der sich in Umfragen unter der Generation Z ebenso zeigt wie in der anhaltenden Debatte um kürzere Arbeitswochen: Sinn, Gesundheit und Flexibilität gewinnen gegenüber Einkommensmaximierung an Gewicht. Und es entsteht ein neues Muster, für das sich der Begriff „Micro-Retirement” etabliert hat – bewusst eingelegte Auszeiten mitten in der Erwerbsphase, nicht erst danach. Erste Erhebungen aus den USA legen nahe, dass es sich um mehr als ein Nischenphänomen handelt, auch wenn die Datenbasis dafür noch dünn ist.
Wer so leben will, verändert seine Finanzplanung fundamental. Ein Sabbatical mit 42 ist kein Konsumwunsch, sondern eine Einkommenslücke, die überbrückt werden muss – und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem noch niemand an Ruhestand denkt. Eine Teilzeitphase mit 55, weil die Eltern Pflege brauchen, ist dasselbe in anderer Verkleidung. Beides funktioniert nur, wenn neben dem Erwerbseinkommen eine zweite, tragfähige Einkommensquelle existiert.
Zwei Generationen, zwei völlig verschiedene Rechnungen
Nehmen wir einen heute 45-Jährigen. Er hat statistisch noch rund vier Jahrzehnte vor sich, davon vielleicht zwanzig im Erwerbsleben. Seine Vorsorgelücke ist rechenbar, sein Zeithorizont überschaubar, seine Handlungsmöglichkeiten sind endlich – aber sie existieren.
Und nun seine Tochter, 25, gerade im ersten Job. Für sie verschieben sich sämtliche Parameter. Sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit über neunzig Jahre alt, sie wird länger arbeiten müssen und dabei weniger Wochenstunden leisten, sie wird mehrfach den Beruf wechseln und womöglich zwei oder drei Auszeiten einlegen. Ihr Verhältnis von Einzahlern zu Empfängern im Umlagesystem wird schlechter sein als jedes, das Deutschland bisher gesehen hat.
Was sie dem gegenüberstellen kann, ist etwas, das ihr Vater nicht mehr hat: Zeit. Vierzig Jahre Zinseszins sind der mit Abstand größte Vermögensvorteil, den ein Mensch besitzen kann – und der einzige, der sich nicht nachkaufen lässt. Wer mit 25 beginnt, muss einen Bruchteil dessen aufwenden, was mit 45 nötig wäre.
Das macht Longevity zu einem Familienthema, nicht zu einem Ruhestandsthema. Die interessanteste Frage stellt sich nämlich nicht am Ende der Erwerbsbiografie, sondern an ihrem Anfang – und sie wird dort am seltensten gestellt.
Was daraus folgt – und was noch nicht
Die drei Linien laufen sauber zusammen. Mehr Lebensjahre, weniger Arbeitsjahre, unruhigere Erwerbsbiografien: Daraus ergibt sich zwingend, dass der Bedarf an planbarem Einkommen außerhalb der Erwerbsarbeit wächst. An dieser Diagnose ist wenig zu deuteln, sie ist demografisch unterlegt und in ihren Grundzügen seit Jahren bekannt.
Bemerkenswert ist eher, wie beharrlich sie in der individuellen Planung ignoriert wird. Wir haben an dieser Stelle kürzlich über das Sequenzrisiko geschrieben – darüber, dass ein früher Kurseinbruch in der Entnahmephase ein Vermögen dauerhaft beschädigen kann, während derselbe Einbruch im Ansparen sogar hilft. Die Longevity-Perspektive legt eine zweite Schicht darüber: Selbst eine gut gesteuerte Entnahme nützt wenig, wenn der zugrunde liegende Zeithorizont von Anfang an zu kurz angesetzt war.
Naumers Antwort auf diesen Befund lautet: Kapitaleinkommen. Ein „zweites Gehalt” aus Kupons und Dividenden, das Auszeiten überbrückt, Teilzeitphasen abfedert und die Rentenzeit stabilisiert – nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit.
Ob dieser Sprung von der Diagnose zur Therapie trägt, ist die eigentlich spannende Frage. Sie hat mit Demografie nichts mehr zu tun und mit Kapitalmarkttheorie, Steuerrecht und Verhaltensökonomie sehr viel. Ihr widmen wir den zweiten Teil dieser Reihe.
In eigener Sache: Wir sprachen darüber mit Dr. Naumer
Wir belassen es nicht bei der Lektüre. Wir sprachen darüber mit Dr. Naumer am Starnberger See – im Rahmen eines Sommerinterviews im Stil der bekannten Fernsehformate: lockere Kulisse, ernstes Thema, rund zwanzig Minuten über Longevity, Kapitaleinkommen und die Frage, was ein 25-Jähriger heute anders machen sollte als sein Vater.
Quelle: Allianz Global Investors, „Longevity – länger Geld für ein längeres Leben”, Mai 2026. Datengrundlage u. a. UN World Population Prospects (2024), Destatis, Eurostat. Die dargestellten Daten sind Vergangenheitswerte bzw. Prognosen; sie lassen keinen Schluss auf zukünftige Entwicklungen zu.











