In einem Schweizer Luxushotel treffen sich Investoren, die das Altern besiegen wollen, und sprechen über vierstellige Renditen. Für Privatanleger steckt in der Geschichte eine andere Botschaft: Die wichtigste Longevity-Position halten sie bereits, ob sie wollen oder nicht.

Wer an dieser Konferenz teilnehmen will, muss vorher belegen, dass er mindestens 30 Millionen Euro investiert hat. Das Ticket kostet 5.000 Euro, für die Anreise ist ein Landeplatz für Privatjets ausgeschildert. Das Handelsblatt hat in seiner Ausgabe vom 29. September eine Reportage von der „Longevity Investors Conference“ im Le Grand Bellevue in Gstaad veröffentlicht, und man liest sie mit einer Mischung aus Faszination und Befremden. Rund 120 Investoren, Ärzte und Gründer diskutieren dort über Abnehmpräparate, Zellverjüngung, epigenetische Uhren und das Einfrieren menschlicher Körper. Beim Mittagessen trinkt niemand Wein, und einer der Veranstalter, Tobias Reichmuth, beziffert das Potenzial der Branche mit einem Satz, der sich auf jeder Bühne gut macht: „Das Aufwärtspotenzial liegt bei 1000 Prozent.“

Man könnte das als Gesellschaftsreportage abhaken. Für Leser dieser Seite lohnt ein zweiter Blick, allerdings aus einer Richtung, die in Gstaad niemand eingenommen hat. Wir haben uns im August in einer vierteiligen Reihe mit der Longevity-Studie von Allianz Global Investors beschäftigt, zuletzt im Gespräch mit Dr. Hans-Jörg Naumer. Dort ging es um Longevity als Planungsproblem: Wer länger lebt, als er rechnet, dem geht das Geld aus. In Gstaad ist Longevity ein Renditethema. Beides hängt enger zusammen, als es auf den ersten Blick wirkt.

Die tausend Prozent haben einen Absender

Zunächst zur Renditeseite, weil sie die lautere ist. Reichmuth richtet die Konferenz gemeinsam mit Marc Bernegger von der Longevity-Investmentfirma Maximon aus. Diese Information gehört neben die tausend Prozent. Wer eine Branche versammelt, Tickets verkauft und selbst in ihr investiert ist, spricht als Beteiligter. Das Handelsblatt lässt mit Jay Olshansky, Professor für Public Health an der University of Illinois Chicago, auch einen Kritiker zu Wort kommen, der genau diesen Interessenkonflikt benennt: In der Szene gebe es finanzielle Anreize, mehr zu versprechen, als die Forschung bislang hergibt. Reichmuth selbst räumt ein, dass eine Lebensverlängerung beim Menschen bisher nicht nachgewiesen ist.

Auch die Größenordnungen sind bescheidener, als die Kulisse vermuten lässt. Das Handelsblatt beruft sich auf Daten des Analysehauses Pitchbook, nach denen 2025 weltweit rund 1,2 Milliarden Dollar Wagniskapital in das Feld flossen. Das ist ein Bruchteil dessen, was ein einzelner Technologiekonzern in einem Quartal für Rechenzentren ausgibt. Dass in Gstaad die Parole die Runde machte, KI sei auf dem Rückzug und Gesundheit im Kommen, passt ins Bild. Kapital sucht die nächste Geschichte, sobald die alte an der Börse unter Druck gerät. Wie der Markt gerade die Zulieferer des KI-Booms neu bewertet, haben wir kürzlich beschrieben (Die KI-Chefs treten auf die Bremse – und die Börse verkauft die Schaufelverkäufer). Eine Rotation der Erzählung ergibt noch keine Investmentthese.

Altern steht in keinem Zulassungsantrag

Der gewichtigere Einwand ist ein regulatorischer. Keine Zulassungsbehörde erkennt das Altern als behandelbare Krankheit an. Ein Wirkstoff, der den Alterungsprozess verlangsamen soll, muss deshalb über eine konkrete Erkrankung zugelassen werden, über Diabetes, Herzinsuffizienz oder Fettleibigkeit. Damit landet jede Longevity-Idee, sobald sie Geld verdienen soll, im gewöhnlichen Pharmageschäft mit seinen gewöhnlichen Risiken: Studien scheitern, Zulassungen verzögern sich, Patente laufen aus.

Wie das aussieht, wenn es gut läuft, zeigen die GLP-1-Präparate von Eli Lilly und Novo Nordisk, die in Gstaad als Hoffnungsträger gehandelt wurden. Sie sind das einzige Stück Longevity, das heute nennenswerten Umsatz erzielt. Sie zeigen allerdings auch, was danach kommt. Novo Nordisk war 2024 das wertvollste Unternehmen Europas und hat seit dem Hoch zeitweise mehr als die Hälfte seines Börsenwerts eingebüßt, weil Wettbewerb, Preisdruck und enttäuschende Studiendaten zusammenkamen. Ein Megatrend schützt nicht vor dem Preis, zu dem man einsteigt.

Für Privatanleger kommt ein praktisches Problem hinzu. Der Longevity-Markt, über den in Gstaad gesprochen wurde, besteht überwiegend aus nicht börsennotierten Start-ups, erreichbar über Wagniskapitalfonds mit Mindestzeichnungen, die zur 30-Millionen-Hürde der Konferenz passen. Was dem Privatanleger bleibt, sind Themenfonds und Themen-ETFs. Hier ist die Datenlage recht eindeutig. Eine Untersuchung von Itzhak Ben-David und Kollegen, 2023 im Review of Financial Studies erschienen, zeigt, dass spezialisierte ETFs typischerweise dann aufgelegt werden, wenn ein Thema bereits populär und entsprechend teuer ist, und sich in den Jahren danach deutlich schlechter entwickeln als der breite Markt. Ein Longevity-ETF wäre ein Musterbeispiel dieser Mechanik.

Fairerweise muss man sagen: Die Forschung verdient es, ernst genommen zu werden. Die epigenetische Uhr von Steve Horvath, der ebenfalls in Gstaad war, ist ein etabliertes Messverfahren, und die großen Pharmakonzerne investieren in das Feld, weil sie sich reale Chancen ausrechnen. Wer daran teilhaben will, ist über einen breiten Aktienindex bereits beteiligt; Gesundheitswerte machen im MSCI World knapp ein Zehntel aus. Alles darüber hinaus ist Wagniskapital, bei dem wenige Treffer die vielen Ausfälle bezahlen müssen.

Die Longevity-Position, die Sie längst halten

Damit zur eigentlichen Pointe. Die folgenreichste Wette auf ein längeres Leben schließen die meisten Menschen am Küchentisch ab, und sie merken es nicht einmal. Wer ein Ruhestandsvermögen aufgebaut hat, ist in einer Longevity-Position investiert. Sie geht auf, solange das Leben nicht länger dauert als der Plan, und sie geht schief, sobald es das tut. Im ersten Teil unserer Reihe (Ihr Ruhestand dauert länger, als Ihre Planung annimmt) haben wir gezeigt, dass die meisten Pläne mit der Lebenserwartung bei Geburt rechnen statt mit der eigenen Restlebenserwartung, und dass allein diese Verwechslung für ein Paar leicht acht Jahre ausmacht.

Die Reportage aus Gstaad fügt dieser Rechnung eine weitere Variable hinzu. Gelingt auch nur ein Teil dessen, woran dort geforscht wird, verlängert sich die Entnahmephase nochmals. Rechnen wir mit drei zusätzlichen gesunden Jahren und einer Entnahme von 2.000 Euro im Monat, fehlen am Ende 72.000 Euro, ohne Inflation und ohne die Kosten, die ein aktives Alter nun einmal verursacht. Die Branche, in die die Superreichen gerade investieren, arbeitet also daran, die Vorsorgelücke aller anderen zu vergrößern. Für die eigene Planung heißt das: Diese Möglichkeit gehört in die Annahmen.

Die Antwort darauf ist unspektakulär und hat mit Biotech-Aktien wenig zu tun. Sie beginnt mit einem Planungshorizont, der eher bis 95 reicht als bis 85, und mit einer Entnahmestrategie, die über drei Jahrzehnte trägt. In unserem Beitrag Das „zweite Gehalt“ – und was es wirklich kostet haben wir argumentiert, dass ein laufender Kapitalertrag weniger als Renditequelle taugt denn als Disziplinhilfe, weil er einem die Verkaufsentscheidung im ungünstigsten Moment abnimmt. Wer seine Entnahmephase selbst gestalten möchte, findet in den Modellportfolios von FundsMarket, bei den Vermögensverwaltern auf StrategyMarket oder den Robo-Advisors MINVEO und vividam Bausteine dafür. Die Entscheidung bleibt bei Ihnen, und keiner dieser Bausteine verspricht tausend Prozent.

Meine Einordnung fällt deshalb nüchterner aus als die Stimmung in Gstaad. Longevity ist ein ernsthaftes Forschungsfeld, für die meisten Anleger aber kein eigener Depotbaustein. Die Frage, die das Thema ihnen stellt, betrifft die Laufzeit ihres Plans und nicht die Auswahl der richtigen Aktie.

In Gstaad kaufen sich Milliardäre zusätzliche Lebensjahre. Finanzieren müssen Sie Ihre selbst.

 

 


 

Quellen: Handelsblatt, Helena Smolak, „Superreiche suchen das ewige Leben“, Ausgabe vom 29.09.2026 (Marktdaten dort nach Pitchbook); Ben-David, I., Franzoni, F., Kim, B., Moussawi, R. (2023): „Competition for Attention in the ETF Space“, Review of Financial Studies 36(3); Allianz Global Investors, „Longevity – länger Geld für ein längeres Leben“, Mai 2026.

Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und richtet sich an Selbstentscheider. Er stellt keine Anlageberatung, keine Anlagevermittlung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Die genannten Unternehmen und Anlageformen dienen der Veranschaulichung. Frühere Wertentwicklungen lassen keinen Rückschluss auf künftige Ergebnisse zu. Anlagen in einzelne Aktien, Themenfonds und Wagniskapital sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Die Beispielrechnung ist eine vereinfachte Modellrechnung ohne Berücksichtigung von Inflation, Steuern und Kosten; demografische Projektionen sind keine Vorhersagen. Die Umsetzung über FundsMarket und StrategyMarket erfolgt im Execution-Only-Verfahren. Stand: September 2026.

(KI-generiertes Bild)