(KI-generiertes Bild)

Eine rentenpolitische Bilanz anlässlich des Auftritts von Prof. Bernd Raffelhüschen bei Markus Lanz

Es ist ein bemerkenswerter Satz, den der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen bei Markus Lanz fallen lässt – und er richtet sich an niemanden so sehr wie an ihn selbst und seine Generation: Wir sind das Problem. Nicht „die Rentner”, nicht „die Jungen”, sondern die geburtenstarken Jahrgänge, die zu wenige Kinder in die Welt gesetzt haben und nun erwarten, dass ein schrumpfendes Erwerbsleben ihre lange Rentenbezugszeit finanziert. Wer das Rentenproblem verstehen will, muss bei dieser Ehrlichkeit anfangen. Und er muss zwanzig Jahre zurückgehen.

Die Lösung lag längst auf dem Tisch

2003 saßen Raffelhüschen und sein damaliger Gegenpart bei Lanz, der heutige SPD-Abgeordnete und frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach, gemeinsam in der Rürup-Kommission – offiziell der „Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme”. Eingesetzt von der rot-grünen Bundesregierung, sollte sie Antworten auf eine Entwicklung finden, die damals schon absehbar war: mehr Rentner, weniger Beitragszahler, steigende Lebenserwartung.

Die Kommission lieferte. Zwei ihrer zentralen Empfehlungen wurden Gesetz:

  • der Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel, der die Rentenanpassungen an das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern koppelt damit nicht allein die Beitragszahler die Last des demografischen Wandels tragen;
  • die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67, die erst 2031 vollständig greift.

Der eigentliche Geniestreich war dabei nicht eine einzelne Zahl, sondern die zugrunde liegende Logik. Das alte System fragte: Welche Rente versprechen wir – und welcher Beitrag ergibt sich daraus? Die Rürup-Logik drehte das um. Sie machte den Beitragssatz zur stabilen Größe (Ökonomen sprechen vom Übergang zum „Beitragsprimat” oder *defined contribution*) und ließ das Rentenniveau demografisch atmen. Der Nachhaltigkeitsfaktor war, in Raffelhüschens Worten, der „demografische Preis”: Wer in einer alternden Gesellschaft Rente bezieht, muss hinnehmen, dass die Anpassungen etwas hinter den Löhnen zurückbleiben – damit die Beiträge für die Jüngeren nicht ins Uferlose steigen.

Raffelhüschen wollte sogar weiter gehen. Schon damals plädierte er – gemeinsam mit einer Minderheit der Kommission – dafür, das Renteneintrittsalter fest an die Lebenserwartung zu koppeln, wie es etwa Schweden vorgemacht hat. Hätte sich diese skandinavische Variante durchgesetzt, läge das Eintrittsalter heute rechnerisch bereits bei 69 und stiege bis 2030 auf 70. Der Mut dazu fehlte. Man einigte sich auf einen Kompromiss: Von vier gewonnenen Jahren Lebenserwartung sollten zwei in zusätzliche Rentenzeit fließen und zwei in längere Erwerbszeit. Das war vernünftig. Es war generationengerecht. Und es war beschlossen.

Was danach geschah

Hier beginnt die eigentliche Geschichte – und sie ist ein Lehrstück darüber, wie eine durchdachte Reform politisch wieder zerlegt wird, Beschluss für Beschluss.

Den ersten Schritt setzte Franz Müntefering noch korrekt um: die Rente mit 67. Doch in den Jahren danach wurde die Statik des Systems systematisch unterhöhlt. Die „Rente ab 63” für besonders langjährig Versicherte (2014) schickte ausgerechnet erfahrene Fachkräfte früher in den Ruhestand – in einem Land, das über Fachkräftemangel klagt. Die Mütterrente weitete die Leistungen weiter aus. Und schließlich wurde der Nachhaltigkeitsfaktor, das Herzstück der Rürup-Reform, durch eine „doppelte Haltelinie” faktisch ausgehebelt: ein gesetzlich garantiertes Rentenniveau von 48 Prozent.

Genau das ist Raffelhüschens schärfster Vorwurf. Der ursprüngliche Entwurf hatte bewusst zugelassen, dass das Sicherungsniveau langfristig in Richtung der niedrigen 40er-Prozente gleitet – das Gesetz von 2004 fixierte eine Untergrenze von 43 Prozent bis 2030 (Raffelhüschen nannte bei Lanz 42 Prozent als die Linie, die man sich damals gesetzt hatte). Statt diese Linie zu halten, wurde das Niveau auf 48 Prozent hochgezurrt und festgeschrieben. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was 2003 gewollt war: Es schützt die heutigen Rentner – und schiebt die Rechnung den Beitragszahlern und künftigen Generationen zu.

Eine ehrliche Einordnung gehört dazu, weil sie das Argument stärkt: Getrieben wurde diese Politik überwiegend von sozialdemokratisch geführten Arbeitsministerien – Müntefering, Scholz, Nahles, Heil und nun Bärbel Bas. Aber die Union hatte ihre Hände nicht in Unschuld gewaschen: Ursula von der Leyen (CDU) leitete das Ressort von 2009 bis 2013, die Mütterrente war ein CSU-Projekt, und sämtliche Leistungsausweitungen wurden in Großen Koalitionen unter Kanzlerin Merkel mitgetragen. Die Verantwortung liegt primär – aber nicht ausschließlich – im linken Lager. Das macht das Versäumnis nicht kleiner. Es macht es überparteilicher.

Warum „verursachergerecht” das entscheidende Wort ist

Lauterbach liebt das Wort „gerecht”. Raffelhüschen kontert als Statistiker: Ob das heutige System gerecht sei, könne er nicht beurteilen – aber gleich sei es definitiv nicht. Die heutigen Rentner haben als Erwerbstätige rund viereinhalb Jahre für jedes Jahr ihres späteren Rentenbezugs gearbeitet. Die nachfolgende Generation kommt nur noch auf etwa zwei. Diese Schieflage ist keine Naturkatastrophe – sie ist das Ergebnis von Geburtenzahlen, die eine konkrete Generation zu verantworten hat.

Daraus folgt für Raffelhüschen ein klarer Maßstab: nicht „sozial gerecht” im diffusen Sinn, sondern verursachergerecht. Wer das Problem verursacht hat, soll an seiner Lösung mittragen. Eine zögerliche Anhebung des Rentenalters – 68 bis 2040, 69 bis 2050, 70 erst 2060, wie sie aus der aktuellen Kommission durchsickert – verfehlt genau das. Sie kommt so spät, dass die Boomer längst im Ruhestand sind, wenn die Reform wirkt. Eine schnelle Kopplung an die Lebenserwartung würde dagegen die geburtenstarken Jahrgänge noch fünf Jahre länger in die Lösung einbeziehen. Erst das wäre fair gegenüber denen, die heute jung sind.

Die Gegenwart wiederholt den alten Fehler

Das eigentlich Beunruhigende: Wir stehen 2026 fast exakt an der gleichen Weggabelung wie 2003. Eine neue Rentenkommission soll bis zum Sommer Vorschläge vorlegen. Auf dem Tisch liegt – wieder – die Kopplung des Eintrittsalters an die Lebenserwartung, etwa im Modell des Wirtschaftsweisen Martin Werding. Gleichzeitig hat Arbeitsministerin Bas eine „Rente mit 70” für diese Legislaturperiode ausgeschlossen und das 48-Prozent-Niveau bis 2031 verlängert, indem der Nachhaltigkeitsfaktor weiter ausgesetzt wird.

Mit anderen Worten: Das Instrument, das 2003 erfunden wurde, um das System krisenfest zu machen, wird genau in dem Moment stillgelegt, in dem es am dringendsten gebraucht würde. Raffelhüschens Befürchtung – „dass das, was kommt, immer zu spät kommt” – ist keine Prophezeiung. Sie ist eine Beschreibung der Gegenwart.

Die ehrliche Gegenstimme – und warum sie das Bild nicht umstößt

Fairerweise: Lauterbach hat in derselben Sendung einen ernstzunehmenden Einwand vorgebracht. Er verteidigte die Grundrichtung der damaligen Reformen ausdrücklich als im Kern richtig, warnte aber vor einer pauschalen Anhebung des Rentenalters für alle. Menschen mit körperlich belastenden Berufen und niedrigeren Einkommen haben statistisch eine deutlich kürzere Lebenserwartung – sie zahlen oft länger ein und beziehen kürzer Rente. Eine starre „70 für jeden” träfe sie härter als den Akademiker am Schreibtisch.

Das ist berechtigt – aber es ist ein Argument für eine kluge Ausgestaltung, nicht gegen das Prinzip. Genau deshalb diskutiert die Kommission ja auch ein Modell, das nicht auf ein starres Alter, sondern auf eine Mindestzahl an Beitragsjahren abstellt. Der Einwand korrigiert die Umsetzung. Er entkräftet nicht die Grundeinsicht von 2003: dass ein demografisch atmendes System mit stabilen Beiträgen die einzige nachhaltige Antwort ist.

Was das für Sie bedeutet

Die rentenpolitische Lehre ist unbequem, aber sie ist klar: Die vernünftige Reform existierte bereits. Sie wurde nicht von Ökonomen verschlafen, sondern von der Politik wieder demontiert – Schritt für Schritt, über Parteigrenzen hinweg, mit der Hauptverantwortung im linken Lager. Solange die Politik den Mut zur Verursachergerechtigkeit scheut, bleibt die gesetzliche Rente ein Versprechen auf Zeit.

Für die persönliche Finanzplanung folgt daraus nur eine rationale Konsequenz: Verlassen Sie sich nicht darauf, dass die 48-Prozent-Linie ewig hält – sie ist politisch befristet und ökonomisch teuer erkauft. Wer heute Anfang oder Mitte des Erwerbslebens steht, plant am sichersten mit einem sinkenden gesetzlichen Niveau und baut konsequent eine eigene, kapitalgedeckte Säule auf. Das ist keine Schwarzmalerei. Es ist exakt die Schlussfolgerung, die schon 2003 die Richtigen gezogen haben – und die seitdem politisch ignoriert wird.