Gastbeitrag von Stefan Toetzke

Über Jahrzehnte war die Sache mit der “Sicherheit im Depot” bequem geregelt. Wer wenig Schwankung wollte, kaufte einen defensiven Mischfonds, in dem Anleihen den größeren Teil stellten und Aktien die kleinere Beimischung. Wurde es an der Börse ruppig, sollten die Kursgewinne der Anleihen den Rückschlag abfedern. Dieses Versprechen hat in den vergangenen Jahren tiefe Risse bekommen. Warum ausgerechnet die vorsichtigen Produkte so viele Anleger enttäuscht haben, verdient einen zweiten Blick, denn die schnelle Antwort, der Zinsanstieg sei schuld, greift zu kurz.

 

Ein Fundament, das sich verschoben hat

Der Wert einer Anleihe im Mischfonds lag nie in ihrem Zins allein, sondern in ihrem Verhalten gegenüber der Aktie. Fiel der Aktienmarkt in einer Rezession, flüchteten Anleger traditionell in Staatsanleihen, deren Kurse dann stiegen. Diese Gegenläufigkeit, in der Fachsprache negative Korrelation genannt, war der stille Motor der Diversifikation, der beide Bausteine nicht gleichzeitig ins Minus rutschen ließ. Genau diese Gegenläufigkeit ist seit 2022 verschwunden. Um die Inflation zu bändigen, hoben die Notenbanken die Zinsen in ungewöhnlichem Tempo an, und steigende Zinsen drücken die Kurse bereits ausgegebener Anleihen nach unten. Wie hart dieser Hebel wirkt, zeigt die Kennzahl Duration: Bei einer Duration von rund sechseinhalb bedeutet ein Zinsanstieg um einen Prozentpunkt einen Kursverlust von etwa sechseinhalb Prozent. Das Jahr 2022 führte diese Mechanik schonungslos vor. Deutsche Anleihen verloren gemessen am REXP knapp zwölf Prozent, der breite europäische Anleihemarkt über siebzehn. Für eine Anlageklasse, die viele Sparer als Inbegriff der Sicherheit verbucht hatten, waren das Rekordverluste.

Schlimmer als die Verluste selbst war ihr Gleichlauf. Aktien und Anleihen gaben zur selben Zeit nach, ein Muster, das an die inflationären siebziger Jahre erinnert. Der Airbag löste nicht aus, als er gebraucht wurde, und für einen defensiven Mischfonds ist das ein Problem im Kern seiner Bauart.

Man könnte einwenden, 2022 sei ein einmaliger Ausnahmeschock gewesen. Der Blick auf die Gegenwart widerspricht. Die breite Vergleichsgruppe defensiver Mischfonds, im Marktjargon die Peergroup Mischfonds defensiv Welt, kommt über die vergangenen zwölf Monate auf magere zweieinhalb Prozent Wertzuwachs, und der Spätsommer 2026 hat gezeigt, wie dünn das Eis bleibt. Ein zwischenzeitlich schon aufgelaufener Gewinn von fast fünf Prozent schmolz binnen weniger Wochen wieder auf gut zwei zusammen, ausgelöst von einem neuerlichen Zinsimpuls. Die Vermutung, der Zins stehe im Zentrum, trifft also zu. Nur ist nicht die Höhe der Zinsen das Thema, sondern das Regime dahinter. Solange sich Aktien und Anleihen gemeinsam bewegen, verteilt der klassische Mix das Risiko nicht mehr, er verdoppelt es in milderer Form.

Was Stabilität in Zahlen bedeutet

An dieser Stelle wird der Vergleich zweier Konzepte erhellend, die beide für sich in Anspruch nehmen, defensiv zu sein. Das eine steht für den breiten Markt, der andere für ein eigenes, bewusst anders konstruiertes Konzept mit dem Namen Diversified Risk and Return, das die genannten gut fünf Prozent erzielt hat. Entscheidend ist aber nicht die Rendite, sondern wie sie zustande kam. Die Schwankungsbreite beider Modelle ist mit rund zweieinhalb Prozent im Jahr vergleichbar niedrig, doch der tiefste zwischenzeitliche Rückschlag fiel beim eigenen Konzept mit etwa anderthalb Prozent deutlich sanfter aus als die knapp vier Prozent der Vergleichsgruppe. Der offiziell ausgewiesene Value at Risk bestätigt das ruhige Profil: Über zehn Handelstage liegt das erwartete Verlustrisiko mit fünfundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit unter einem Prozent des Fondsvermögens.

Die höhere Rendite entstand somit nicht aus mehr Risiko, sondern aus einer anderen Konstruktion.

Ein Mischfonds, der unter der Motorhaube etwas anderes nutzt als die Wettbewerber

(Grafik: eigene Darstellung zur Illustration, Quelle Mischfonds defensiv Welt sind eigene Berechnungen auf der Basis von FWW)

Hier liegt der Kern der Geschichte. Oberflächlich betrachtet sieht man einen gewöhnlichen defensiven Mischfonds. In der aufsichtsrechtlichen Aufgliederung entfallen rund dreiundvierzig Prozent auf Renten, achtundzwanzig auf Aktien, sechzehn auf gemischte Anlagen, der Rest auf Geldmarkt und Kasse. Der Blick in den Maschinenraum erzählt etwas anderes. Der Fonds hält keine einzige klassische Staatsanleihe und keine einzelne Aktie direkt. Etwa siebenundachtzig Prozent stecken in ausgewählten Zielfonds, knapp zehn Prozent in einem einzigen Strategie-Zertifikat, der Rest ist Liquidität. Und was die Statistik als Renten führt, ist im Inneren kein zinsträchtiges Standardpapier, sondern eine Sammlung von Katastrophenanleihen, kurzlaufenden Kreditstrategien und Geldmarktbausteinen, also gerade nicht jenes durationslastige Material, das die Vergleichsgruppe in die Knie gezwungen hat. Das Etikett stimmt, der Inhalt ist ein anderer.

Bausteine, die voneinander nichts wissen und Ausschüttung aus mehreren Quellen

Man setzt ein defensives Gesamtergebnis nicht aus zwei großen, inzwischen gleichgeschalteten Motoren zusammen, sondern aus vielen kleinen, deren Antriebe strukturell nichts miteinander zu tun haben. Am deutlichsten wird das bei den Katastrophenanleihen, die zusammen rund siebzehn Prozent des Portfolios ausmachen. Ihre Rendite hängt an Wirbelstürmen und Erdbeben, nicht an den Sitzungen der Notenbanken. Der marktbreite Swiss-Re-Index für solche Papiere legte 2025 etwa vierzehn Prozent zu, bei einer Schwankung von nur zwei bis vier Prozent, und blieb in den Paniken der Finanzkrise und der Corona-Wochen leicht positiv, während Aktien und Unternehmenskredite einbrachen. Diese Unabhängigkeit vom Zinszyklus ist der Grund für ihr Gewicht.

Daneben arbeiten Strategien, die eine Prämie einsammeln, statt einer Kursrichtung zu folgen. Zwei Covered-Call-Bausteine auf europäische und amerikanische Aktienindizes und eine weitere Optionsprämienstrategie vereinnahmen die Vergütung, die der Markt für das Absichern von Schwankungen zahlt, und dämpfen zugleich die Ausschläge der Aktienseite. Eine Merger-Arbitrage-Strategie verdient an der kleinen Kursspanne angekündigter Firmenübernahmen und bleibt vom Börsentrend weitgehend unberührt. Ein kurzlaufender Kreditbaustein und ein Geldmarktfonds liefern Zinserträge mit minimaler Laufzeitempfindlichkeit, ergänzt um quantitative Ansätze und ein kleines hauseigenes Momentum-Konzept. Kein einzelnes dieser Elemente ist für sich eine sichere Anleihe, ihre Summe aber verhält sich defensiv, weil ihre Ertragsquellen sich nicht absprechen.

Zur Ausschüttung trägt außerdem dedizierte Absolute-Return-Strategien bei, die unabhängig von der Marktrichtung eine positive Rendite anstreben, sowie Credit-Spread-Bausteine, die die Risikoprämie für Adressenausfallrisiken vereinnahmen. Beide Quellen speisen sich aus eigenständigen Prämien und ergänzen die bereits genannten Bausteine um zwei weitere, von Zins- und Aktienmarkt weitgehend unabhängige Erträge.

Ein oft übersehener Vorzug dieser Bauweise zeigt sich bei der Ausschüttung. Die ausschüttende Anteilsklasse ist auf eine regelmäßige Zahlung in der Größenordnung von etwa fünf bis sechs Prozent im Jahr ausgelegt, und bemerkenswert ist weniger die Höhe als die Herkunft. Sie speist sich nicht aus einer einzigen, zinsabhängigen Quelle wie beim klassischen Rentenfonds, sondern aus vielen laufenden Erträgen zugleich, aus den Optionsprämien der Covered-Call-Strategien, den Kupons der Katastrophen- und Kreditbausteine und dem Zinsertrag des Geldmarkts. Eine Zahlung auf mehreren unabhängigen Beinen ist belastbarer als eine, die von der Verfassung eines einzigen Marktes abhängt.

Was zur Redlichkeit eines solchen Beitrags dazu gehört

Es wäre unseriös, dieses Modell als sorgenfrei darzustellen. Ein Portfolio aus einem Dutzend Spezialstrategien ist komplexer und weniger durchschaubar als ein schlichter Aktien-Renten-Fonds, es hängt stärker an der Qualität des Managements, und die Verpackung in Zielfonds bringt eine zusätzliche Kostenebene mit sich. Katastrophenanleihen tragen ihr eigenes Extremrisiko, denn ein schweres Schadenjahr kann empfindlich zu Buche schlagen, und Optionsprämienstrategien erkaufen ihre Einnahmen mit einer gedeckelten Aufwärtschance. Auch die vielbeschworene Unkorreliertheit ist stets eine Aussage über die Vergangenheit. In einer echten Liquiditätskrise, in der Anleger alles zugleich verkaufen, können sonst unabhängige Bausteine kurzzeitig im Gleichschritt fallen. Die Streuung über verschiedene Ertragsquellen mindert das Risiko, sie hebt es nicht auf.

Fazit

Die naheliegende Vermutung zum Zins war richtig und doch nur der Anfang der Geschichte. Die tiefere Lehre lautet, dass Sicherheit kein Etikett ist, das man einem Produkt aufkleben kann, sondern eine Eigenschaft, die man erst konstruieren muss. Wer sie reflexhaft mit Staatsanleihen gleichsetzte, hat sich ein Laufzeitrisiko ins Depot geholt, dessen Schutzwirkung im falschen Moment versagte. Stabilität aus unabhängigen Quellen aufzubauen ist mühsamer und für den Selbstentscheider ohne ein durchdachtes Musterportfolio kaum abzubilden. Vielleicht liegt aber gerade darin der Unterschied zwischen einer bequemen und einer belastbaren Antwort auf die Frage, was defensiv eigentlich heißen soll.

 


 

Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und der Anlegerbildung im Sinne des Selbstentscheiders. Er stellt weder eine Anlageberatung noch eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung für ein bestimmtes Finanzinstrument dar. Die genannten Kennzahlen und Wertentwicklungen beziehen sich auf die Vergangenheit und sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Ein Teil der herangezogenen Vergleichsdaten wurde näherungsweise aus Kursverläufen abgeleitet. Maßgeblich für jede Entscheidung sind allein die offiziellen Verkaufsunterlagen.