Lange galt die Debatte als Glaubensfrage: aktive Fondsmanager auf der einen, passive ETF-Verfechter auf der anderen Seite. Die einen warben mit klugen Köpfen, die den Markt schlagen wollen, die anderen mit niedrigen Kosten und der simplen Eleganz, einfach „den Markt“ zu kaufen. Doch die alte Frontlinie bröckelt – und nicht etwa, weil eine Seite plötzlich recht behalten hätte, sondern weil die Wirklichkeit viel komplexer geworden ist.

Wer heute auf die globalen Aktienmärkte blickt, erkennt ein anderes Bild als noch vor wenigen Jahren. Die großen Indizes haben sich immer stärker um einige wenige US-Tech-Konzerne gedreht. Fast drei Viertel des MSCI World bestehen mittlerweile aus US-Titeln, und ein kleiner Kreis von Giganten dominiert die Kursentwicklung. Für Anleger war diese Konzentration lange kein Problem – im Gegenteil. Wer passiv investierte, profitierte von der Schwerkraft dieser Gewinner. Doch der abrupte Ausverkauf im Frühjahr, ausgelöst durch geopolitische Nervosität und die US-Zollpolitik, hat gezeigt, wie fragil diese Dominanz geworden ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der Anleger jahrelang auf die USA setzten, ist verschwunden.

Damit wächst der Wunsch nach mehr Steuerung im Portfolio. Die jüngste Schroders-Umfrage unter institutionellen Investoren zeigt nicht zufällig, dass vier von fünf Befragten in den kommenden Monaten stärker auf aktiv gemanagte Strategien setzen wollen. Das bedeutet jedoch nicht die Rückkehr zum klassischen Stockpicker, der mit Bauchgefühl und Analystenbriefings einzelne Unternehmen auswählt. Gemeint ist vielmehr eine bewusstere Konstruktion von Portfolios – eine, die Regionen, Stile und Anlageklassen viel feiner austariert, als es breite Indexprodukte zulassen.

Interessanterweise tragen ausgerechnet ETFs selbst zu dieser Verschiebung bei. Die Zahl spezialisierter Indexprodukte ist explodiert: thematische ETFs, Stil-ETFs, Faktor-ETFs, Sektor-ETFs. Formal sind sie passiv, doch ihre Verwendung im Portfolio ist hochgradig aktiv. Wer heute mit einem halben Dutzend solcher Bausteine arbeitet, betreibt nichts anderes als modernes aktives Management – nur eben über passive Instrumente.

Der Markt zwingt dazu. Eine Welt, in der makroökonomische Rückenwinde alles nach oben getragen haben, existiert nicht mehr. Die Phase ultraniedriger Zinsen und grenzenloser Liquidität ist vorbei. Stattdessen rückt wieder das ein, was lange als altmodisch galt: die Frage, welche Unternehmen in unruhigen Zeiten stabile Gewinne erzielen können, und welche Fundamentaldaten wirklich tragen. Value-Ansätze erleben eine Renaissance, weil sie Schutzräume in einem volatilen Umfeld bieten. Thematische Strategien wiederum geben Anlegern die Möglichkeit, Trends wie Energiewende, Automatisierung oder Demografie gezielt zu spielen – jenseits der Indexlogik.

Parallel verschieben sich die Kräfteverhältnisse zwischen öffentlichen und privaten Märkten. Private Debt und Alternativen gewinnen rasant an Bedeutung, weil klassische Anleihen zwar wieder höhere Renditen versprechen, gleichzeitig aber von enormer Unsicherheit geprägt sind. Wer laufende Erträge sucht, findet sie zunehmend in Strukturen, die fernab der Börsen notieren. Spätestens hier verliert die alte aktiv-passiv-Gegensetzung vollständig ihre Relevanz. Denn Private Markets sind per Definition aktiv; sie funktionieren nicht ohne Auswahl, Verhandlung, Strukturierung.

Und dann gibt es noch die technologische Seite des Wandels. KI-gestützte Systeme, Blockchain-basierte Lösungen und günstige Rechenleistung ermöglichen eine Form der Vermögensverwaltung, die sich eher nach Maßanzug als nach Konfektionsgröße anfühlt. Portfolios orientieren sich an individuellen Zielen, an Nachhaltigkeitspräferenzen oder an klar definierten Risiken. Für solche Lösungen taugt das alte Schlagwortpaar aktiv vs. passiv schlicht nicht mehr.

Man kann es drehen, wie man will: Die Investmentwelt nimmt Abschied von einer Debatte, die jahrzehntelang Zeitungen füllte. Der Aufstieg der Indexfonds war ein branchengemachtes Narrativ – logisch, überzeugend, aber eben nicht dauerhaft. Nun beginnt ein Zeitalter, in dem aktives Management wieder gefragt ist. Nicht zwingend in Form teurer Stockpicker, aber als bewusste Gestaltung von Portfolios, die Risiken erkennt, Chancen bewertet und sich nicht blind der Indexmechanik ergibt.

Das neue Mantra lautet: aktiv denken, flexibel handeln – mit welchen Werkzeugen auch immer.