Wenn Satya Nadella an diesem Herbsttag das Handelsblatt empfängt, wirkt der Microsoft-Chef so unerschütterlich wie ein Bergsee – glatt, tief, kühl. Nur der Kurs seiner Aktie zeigt Wellen: Erst Rekordhoch, dann Rutsch nach unten. Die Branche tuschelt bereits, der KI-Hype sei womöglich vorbei. Nadella, gelernter Elektroingenieur und beruflicher Stoiker, lächelt dazu nur höflich – als hätte er all diese Zweifel bereits in Excel einkalkuliert.

Und tatsächlich: Der Mann weiß, wie es ist, unterschätzt zu werden. Als er 2014 den Chefposten übernahm, wirkte Microsoft so frisch wie ein Faxgerät. Das Smartphone verschlafen, Windows 8 ein Desaster, die Firmenkultur ein einziger Abteilungs-Boxkampf. Zehn Jahre später hat Nadella die Company verachtzehnfacht. Nicht schlecht für jemanden, dessen größter Laster vermutlich Rilke-Gedichte und Cricket sind.

Wie das gelang? Mit zwei Wetten, beide riskant und beide geglückt: Cloud und KI. Azure wurde zum zweitgrößten Rechenzentrumsnetz der Welt, und Nadellas frühe Liaison mit einem dunklen Forschungslabor namens OpenAI entpuppte sich als Geburtshilfe für ChatGPT – jenen Textroboter, der der Welt seither die Sprache verschlägt.

Sind wir also in einer Blase?

„Wir erleben den nächsten großen Plattformwechsel“, sagt Nadella. Und dieser Satz fällt so ruhig, als beschreibe er das Wetter. In der Tech-Geschichte komme alle zehn Jahre eine neue Welle – erst PC, dann Internet, dann Mobile, dann Cloud. Und jetzt: KI. Und so teuer der Spaß mit Hunderttausenden Nvidia-Chips auch sei – er hält dagegen: Das alles sei langfristig. „Macht euch nicht verrückt wegen Quartalen“, sagt er, als wären 80 Milliarden Dollar Investitionen ein normaler Dienstag.

Die Frage bleibt: Was, wenn Google-Chef Pichai recht behält und das Ganze irrationaler Rummel ist? Immerhin: Die KI-Investitionen der Hyperscaler sind inzwischen größer als der Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert. Um sich zu rechnen, bräuchte die Branche 2030 hundertmal so viel Umsatz wie heute. Hundertmal!

Nadella winkt ab. Produktivität, erklärt er geduldig, tauche immer erst Jahre später in Statistiken auf. So war es beim PC – und so werde es mit KI sein. Erst müssen die Unternehmen ihre Abläufe umbauen, erst müssen Menschen sich an agentenbasierte Systeme gewöhnen. Wer an einem Dienstagmorgen zum ersten Mal Copilot öffne und sofort 30 Prozent mehr Output erwarte, sagt er, „hat KI falsch verstanden“.

Die Konkurrenten warten jedenfalls nicht

Google zieht mit Gemini 3 vor, Amazon paktiert mit Anthropic, OpenAI flirtet neuerdings mit mehreren Cloud-Anbietern. Ein Wettrennen, das Milliarden verschlingt. Die USA wachsen derzeit spürbar wegen dieser Investitionen – ohne KI, sagen Analysten, wäre das Land längst in der Rezession.

Und Microsoft? Der Konzern verdient bereits echtes Geld mit KI, sagt Nadella. Der Copilot ist überall eingebaut, sogar in die Programme, bei denen manche Nutzer heute noch nicht mal wissen, wo man die Symbolleiste ein- oder ausschaltet. Ob das Produkt schon durchstartet, darüber gehen die Meinungen auseinander. Einige Analysten sehen hinter dem Marketingnebel noch keinen breitflächigen Durchbruch. Nadella bleibt diplomatisch. Er lobt ChatGPT, er lobt die Konkurrenz, lobt sogar die Nutzer, die heimlich ChatGPT statt Copilot einsetzen – und verweist dann auf den USP: Copilot kennt die Firmendaten. Wer arbeitet, brauche Kontext, nicht nur Cleverness.

KI zwischen Weltrettung und Weltuntergang

Was Nadella auffällt: Wir reden viel darüber, ob KI uns vernichtet, aber wenig darüber, wie sie uns hilft. Er wirkt optimistisch – mit Mindestrestzweifel. Deshalb gründete Microsoft das Digital Safety Board, das KI-Einsätze prüft. „Wir müssen bei jeder Implementierung Sicherheit mitdenken“, sagt er. Nicht zuerst ausrollen und später aufräumen, wie früher. Denn KI sei zu groß, zu zentral.

Ein Blick ins Microsoft-Sicherheitszentrum zeigt, warum: Russische Cyberangriffe auf Deutschland seien zuletzt um 25 Prozent gestiegen. KI macht Hacker schneller – aber Verteidiger eben auch.

Und Deutschland?

Bei deutschen Ingenieuren leuchten Nadellas Augen. „Ein Weltwunder“, sagt er. Für ihn sei Deutschland ein Land, das KI wie Elektrizität in seine industrielle DNA einbauen könne. Siemens, Schaeffler, Mercedes – alle experimentieren mit Copiloten, die Code schreiben, Maschinen programmieren, Fabriken beschleunigen. Microsoft investiert 3,2 Milliarden Euro in neue Rechenzentren. Und gleichzeitig wächst die Sorge vor Abhängigkeiten, wie der Fall des Internationalen Strafgerichtshofs zeigt, der aus Furcht vor US-Sanktionen alternative Systeme prüft.

Nadella verspricht digitale Souveränität: europäische Cloud, europäische Datenräume, europäische Kontrolle. Ob das reicht, wird sich zeigen.

Bleibt also die Frage: Platzt die Blase?

Betrachtet man nur die Börsenkurse, könnte man es glauben. Betrachtet man die Investitionen, die politischen Wirbel, die Konkurrenzschlachten, sieht es eher nach einem Anfang als einem Ende aus. Die Produktivitätsrevolution ist – wie Nadella sagt – noch nicht überall sichtbar. Aber die Infrastruktur dafür wächst schneller als jede Technologie zuvor.

Vielleicht ist KI nicht die neue Eisenbahnblase. Vielleicht ist sie eher die Elektrizität: erst teuer, dann unsichtbar, dann unverzichtbar.

Und vielleicht muss man Nadella glauben, wenn er am Ende persönlich wird: KI solle Menschen stärken – auch jene, die wie sein verstorbener Sohn Zain besondere Unterstützung brauchen. Ein Computer, sagt er, könne längst mehr als tippen, rechnen, sprechen. Er könne verbinden.

Ein schönes Bild für eine Technologie, die gerade viele Menschen spaltet. Und vielleicht der beste Grund, weshalb die KI-Zukunft größer ist als jeder Hype.