Oliver Bäte warnt vor einer Blase. Der Allianz-Chef zieht Parallelen zwischen den aktuellen Bewertungen von Technologieaktien und der Internetblase der Jahrtausendwende – Erwartungen und Kurse wüchsen schneller als die wirtschaftliche Substanz, nicht jedes überbewertete Geschäftsmodell werde überleben. Soweit die vertraute Melodie, die derzeit fast wöchentlich von einem Konzernlenker angestimmt wird.

Bemerkenswert ist, was der Versicherer gleichzeitig tut. Die Allianz vertieft ihre Partnerschaft mit dem KI-Unternehmen Anthropic, rechnet mit Zugang zu dessen leistungsfähigstem Modell, baut bei der Tochter Allianz Partners bis zu 1.800 Stellen ab – und positioniert ihre Produkte dort, wo Kunden künftig ihre Fragen stellen: im Dialog mit KI-Systemen. In Spanien ist der Direktversicherer Allianz Direct bereits über eine integrierte App in ChatGPT präsent, gemeinsam mit dem Insurtech Tuio. Die Produktauswahl beginnt im Chat, der Abschluss folgt beim Anbieter. Bäte selbst geht davon aus, dass Sprachmodelle langfristig die klassischen Vergleichsportale ablösen.

Wer beide Aussagen nebeneinanderlegt, erkennt das eigentliche Signal: Die Warnung gilt den Bewertungen, nicht der Technologie. Für Anleger ist diese Unterscheidung entscheidend – und sie wird in der aktuellen Debatte regelmäßig verwischt.

Der Vertrieb wandert dorthin, wo die Fragen gestellt werden

Um zu verstehen, warum ein Versicherungskonzern diesen Schritt geht, lohnt ein Blick auf die Mechanik. Vergleichsportale haben in den vergangenen zwanzig Jahren eine mächtige Position aufgebaut, weil sie den Moment besetzen, in dem ein Kunde eine Entscheidung vorbereitet. Wer bei der Suche nach einer Kfz-Versicherung zuerst auf einem Portal landet, hat den Anbieter faktisch schon vorsortiert, bevor er dessen Namen kennt. Diese Gatekeeper-Funktion war das Geschäftsmodell – und sie beginnt zu erodieren.

Denn die Vorbereitungsphase verlagert sich. Wer heute eine komplexe Frage hat, stellt sie zunehmend einem KI-Assistenten – ob es um Reiseplanung geht, um Handwerkerangebote oder eben um Versicherungsschutz. Die Antwortqualität ist längst gut genug, dass ein wachsender Teil der Nutzer gar nicht mehr auf ein Portal wechselt. Wer als Anbieter in diesen Antworten nicht vorkommt, existiert für diesen Kunden schlicht nicht. Genau das meint die Allianz, wenn sie betont, auf den Sprachmodellen präsent sein zu müssen.

Das ist keine Versicherungsgeschichte. Dieselbe Logik gilt für Banken, Fondsanbieter, Immobilienplattformen, Reiseveranstalter – für jede Branche, deren Vertrieb auf dem Moment der Informationssuche aufbaut. Die Infrastruktur des Vertrauens verschiebt sich in den Chat. Und wie bei jeder Infrastrukturverschiebung entstehen Gewinner auf beiden Seiten: bei den Plattformbetreibern, die den neuen Zugang kontrollieren, und bei jenen etablierten Unternehmen, die früh genug umbauen.

Blase und Revolution schließen sich nicht aus

Damit zurück zu Bätes Warnung. Die Internetblase ist ein instruktives Beispiel – allerdings anders, als es meist erzählt wird. Im Jahr 2000 platzten die Bewertungen, nicht die Technologie. Das Internet veränderte in den Folgejahren tatsächlich Handel, Medien und Kommunikation, nur verdienten daran andere Unternehmen als jene, deren Kurse zuvor am steilsten gestiegen waren. Wer damals wahllos „Internet-Aktien” hielt, verlor; wer die späteren Anwender und Infrastrukturgewinner identifizierte, wurde belohnt.

Übertragen auf heute heißt das: Die Frage ist nicht, ob KI die Wirtschaft verändert – die Allianz beantwortet sie gerade mit Stellenabbau, Partnerschaften und neuen Vertriebswegen. Die Frage ist, welche Geschäftsmodelle die Produktivitätsgewinne tatsächlich in Erträge übersetzen. Drei Gruppen lassen sich unterscheiden. Erstens die Infrastrukturanbieter, deren Bewertungen bereits enorme Erwartungen einpreisen. Zweitens die reinen Story-Aktien, die „KI” im Namen tragen und wenig dahinter – hier liegt das Blasenrisiko, vor dem Bäte zu Recht warnt. Und drittens die Anwender: etablierte Unternehmen mit stabilen Cashflows, die KI nutzen, um Kosten zu senken und Vertriebswege neu zu besetzen. Diese dritte Gruppe wird in der öffentlichen Debatte am wenigsten beachtet, obwohl dort die Effekte am greifbarsten sind – bei der Allianz lassen sie sich in Stellenzahlen beziffern.

Offen bleibt dabei manches. Die Haftungsfrage etwa – wer geradesteht, wenn ein Chatbot eine fehlerhafte Empfehlung gibt, die zum Vertragsabschluss führt, ist in Deutschland ungeklärt. Bäte sieht die Modellanbieter in der Pflicht; die sehen das naturgemäß anders. Solche Regulierungsfragen können das Tempo der Verschiebung bremsen, ihre Richtung dürften sie kaum ändern.

Was Selbstentscheider daraus machen können

Für Anleger, die ihre Entscheidungen selbst treffen, ergibt sich daraus eine nüchterne Arbeitsweise: nicht die Schlagzeile handeln, sondern die Struktur dahinter prüfen. Wer ein Unternehmen bewertet, sollte heute fragen, auf welcher Seite der Verschiebung es steht – kontrolliert es einen neuen Zugangsweg, baut es seine Kostenbasis mit KI tatsächlich um, oder erzählt es lediglich eine Geschichte, die der Markt bereits großzügig bezahlt hat? Die Antwort entscheidet darüber, ob eine hohe Bewertung Substanz hat oder nur Erwartung ist.

In unserem THEMEN-Portfolio beschäftigt uns genau diese Trennlinie seit geraumer Zeit: Wir unterscheiden zwischen dem Infrastruktur-Kern der KI-Ökonomie und den Anwendern, die sich die Effizienzgewinne erschließen. Die Allianz-Strategie ist ein Beleg dafür, dass die zweite Phase begonnen hat – jene, in der die Technologie aus den Laboren in die Kostenrechnungen und Vertriebskanäle wandert. Blasen können platzen, während diese Phase weiterläuft. Beides gleichzeitig zu denken ist unbequem, aber es ist die realistische Beschreibung der Lage.