(KI-generiertes Bild)

Das Altersvorsorgereformgesetz lässt zwei Wege zu. Neben dem geförderten Depot „ohne Garantie”, in dem in Fonds, ETF und weitere für Privatanleger geeignete Anlageklassen investiert werden darf, sind auch sicherheitsorientierte Garantieprodukte zugelassen, die zu Beginn der Auszahlungsphase ein garantiertes Kapital ausweisen. Das ist das Feld, auf dem sich die Versicherer positionieren. Und es klingt zunächst nach einer beruhigenden Wahl: hier die Chance, dort die Sicherheit, jeder nach seinem Naturell.

Dieser Eindruck täuscht. Wer zwischen Depot und Garantieprodukt wählt, trifft keine Entscheidung zwischen Risiko und Ruhe, sondern zwischen Rendite und Rendite. Denn eine Garantie ist nichts, was ein Anbieter verschenkt – sie muss erwirtschaftet werden, und zwar aus demselben Kapital, das eigentlich für Sie arbeiten soll. Es lohnt, diesen Mechanismus zu verstehen, bevor man sich von der Aussicht auf ein „garantiertes Kapital” leiten lässt.

Wie eine Garantie ihre eigene Rendite auffrisst

Der Mechanismus ist unspektakulär und gerade deshalb wirksam. Wer einem Sparer zusagt, ihm am Ende einen großen Teil oder die Gesamtheit seiner eingezahlten Beiträge zu garantieren, muss diese Zusage jederzeit erfüllen können – auch, wenn die Börsen fallen. Also darf nur ein begrenzter Teil des Geldes in schwankungsanfällige, chancenreiche Anlagen fließen; der Rest liegt in sicheren, niedrig verzinsten Papieren, die die Garantie tragen. Je höher die zugesagte Garantie und je kürzer die verbleibende Zeit, desto größer der abgesicherte, renditearme Block – und desto kleiner der Teil, der überhaupt am Aktienmarkt teilnehmen kann.

Genau dieser Mechanismus hat Riester ausgehöhlt. Die vorgeschriebene Beitragsgarantie zwang die Anbieter in eine defensive Aufstellung, die in einer langen Niedrigzinsphase kaum noch Ertrag abwarf. Im Bundestag fiel das Urteil quer durch die Fraktionen ähnlich aus: zu komplex, zu teuer, mit einer „viel zu niedrigen Rendite”. Die Garantie war nicht der einzige Grund, aber sie war ein zentraler. Bemerkenswert ist, dass die Investmentgesellschaften aus dieser Erfahrung eine klare Konsequenz gezogen haben – beim neuen Depot tritt kaum jemand mehr mit dem Thema Garantie an. Das Sicherheitsversprechen überlassen sie den Versicherern. Man sollte sich fragen, warum die eine Seite so entschlossen loslässt, was die andere gerade wieder aufgreift.

Die Anlagedauer entscheidet

Der entscheidende Faktor ist die verbleibende Sparzeit – ein Punkt, den selbst Befürworter der Garantieprodukte einräumen. Für welchen Sparer eine Garantie sinnvoll ist, hängt maßgeblich davon ab, wie viel Zeit bis zum Ruhestand bleibt. Das ist mehr als ein Detail, es kehrt die verbreitete Verkaufslogik um.

Über lange Zeiträume glättet der Markt sich selbst. Der deutsche Aktienindex hat über fünfzig Jahre im Mittel rund 8,6 Prozent jährlich erzielt – eine Zahl, die in der Bundestagsdebatte selbst genannt wurde und die man mit der gebotenen Vorsicht lesen muss, denn vergangene Wertentwicklungen sagen nichts über künftige. Sie illustriert dennoch ein Prinzip: Wer zwei oder drei Jahrzehnte Zeit hat, für den ist das Auf und Ab der Börse kein Risiko, das eine teure Versicherung verlangt, sondern eine Eigenschaft, die die Zeit ohnehin abfedert. Eine Garantie versichert hier gegen eine Gefahr, die der Anlagehorizont bereits weitgehend erledigt – und bezahlt wird diese überflüssige Versicherung in entgangener Rendite, Jahr für Jahr, über den Zinseszins vervielfacht.

Umgekehrt gilt: Je näher der Ruhestand rückt, desto berechtigter wird der Wunsch nach Sicherheit, weil dem Depot die Zeit fehlt, einen Einbruch wieder aufzuholen. Die Garantie passt also zum Sparer kurz vor der Auszahlung und schadet dem jungen Sparer – das genaue Gegenteil dessen, wie Sicherheitsprodukte häufig vermarktet werden, nämlich als Rundum-Beruhigung für jedermann und über die gesamte Laufzeit.

Das eigentliche Risiko sitzt am Rand, nicht in der Mitte

Damit rückt eine Unterscheidung in den Vordergrund, die für den selbstentscheidenden Anleger zentral ist. Das Risiko, das wirklich zählt, ist nicht die Schwankung irgendwann in der Mitte der Ansparphase – sie ist folgenlos, solange man nicht verkauft. Gefährlich ist die Reihenfolge der Renditen am Übergang in die Entnahme: Ein schwerer Einbruch kurz vor oder zu Beginn der Auszahlung, wenn zugleich Kapital entnommen wird, kann ein Vermögen dauerhaft beschädigen. Dieses Sequenzrisiko ist präzise verortet – zeitlich am Rand des Anlagehorizonts, nicht über die ganze Laufzeit verteilt.

Eine pauschale Beitragsgarantie über die gesamte Vertragsdauer adressiert dieses Problem am falschen Ort. Sie belastet die ertragreichen frühen Jahre mit Sicherungskosten, obwohl das Risiko dort gering ist, und sie ist zum kritischen Zeitpunkt – dem Übergang in die Entnahme – kein besonders zielgenaues Instrument. Wer das Sequenzrisiko ernst nimmt, dosiert Sicherheit dort, wo sie gebraucht wird: in den Jahren rund um den Renteneintritt, etwa über einen wachsenden Anteil schwankungsarmer Anlagen oder einen Liquiditätspuffer, der die ersten Entnahmejahre überbrückt, ohne dass in einen fallenden Markt hinein verkauft werden muss. Das ist gezielte Absicherung statt teurer Dauerversicherung – und es ist der Grund, warum die Frage nach der Garantie sich für den Selbstentscheider nüchterner stellt als für den, dem sie verkauft wird.

Wann die Garantie ihren Preis wert ist

Damit kein einseitiger Eindruck entsteht: Es gibt Konstellationen, in denen eine Garantie ihr Geld verdient. Wer nur noch wenige Jahre bis zum Ruhestand hat, für den kann die Absicherung des Erreichten sinnvoller sein als die letzte Renditechance. Wer weiß, dass er einen Kurssturz nervlich nicht aushält und in der Panik verkaufen würde, für den ist eine Garantie womöglich der Preis dafür, überhaupt investiert zu bleiben – und ein durchgehaltenes garantiertes Produkt schlägt ein panisch aufgelöstes freies Depot. Und wer über keinerlei sonstige Sicherheiten verfügt, mag den garantierten Sockel als Fundament schätzen. Diese Fälle sind real, und sie verdienen Respekt. Sie sind nur nicht der Regelfall des vermögenden Selbstentscheiders, der über Zeit, über andere Rücklagen und über die Ruhe verfügt, einen Markt auszusitzen.

Die Fragen, die man vor der Unterschrift stellt

Ob Garantie oder nicht, entscheidet am Ende die eigene Lage – die verbleibende Zeit, die übrige Vermögensstruktur, die persönliche Belastbarkeit. Wer vor dieser Wahl steht, sollte einem Garantieprodukt jedoch dieselben nüchternen Fragen stellen, die ein guter Kaufmann jeder Zusage stellt. Wie hoch ist das garantierte Kapital tatsächlich – nach Abzug aller Kosten, nicht davor? Welche Aktienquote lässt die Garantie über die Laufzeit überhaupt zu, und wie verändert sie sich, wenn die Märkte fallen? Was kostet mich die Garantie, ausgedrückt nicht in einer Gebühr, sondern in erwarteter entgangener Rendite über meinen Anlagehorizont? Und ganz grundsätzlich: Sichere ich hier ein Risiko ab, das mich zu meinem Zeitpunkt wirklich trifft – oder zahle ich für die Beruhigung gegen ein Risiko, das die Zeit ohnehin für mich trägt?

Wer diese Fragen beantworten kann, braucht keine Verkaufsbroschüre mehr. Er hat die Sicherheitsfrage als das erkannt, was sie beim Altersvorsorgedepot ist: eine Renditeentscheidung, die man selbst treffen kann – und sollte.

 

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Meinungsbildung. Er stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. money-coaching.de richtet sich an Selbstentscheider, die ihre Anlageentscheidungen eigenverantwortlich treffen (Execution-Only). Angaben zur gesetzlichen Ausgestaltung des Altersvorsorgedepots geben den Stand der Gesetzgebung wieder und können sich bis zur Einführung und in der Ausführung noch ändern; maßgeblich sind allein die endgültigen gesetzlichen und vertraglichen Regelungen. Genannte Renditewerte sind historische Beobachtungen und kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Entwicklung. Kapitalanlagen unterliegen Kursschwankungen und können zu Verlusten bis hin zum Totalverlust führen.