Peter Gauweiler hat heute in der WELT eine Zwischenbilanz des Euro gezogen. Der Text ist streitbar, aber er macht etwas, das in dieser Debatte selten geworden ist: Er trennt zwischen Tatsachen und Wertungen. Und er räumt zwei Dinge ein, die in der Euro-Kritik meist untergehen.

Erstens: Die Binnenkaufkraft. Seit 2002 hat der Euro in Deutschland rund 38 Prozent seiner Kaufkraft verloren. Über einen vergleichbar langen Zeitraum war die Geldentwertung unter der D-Mark jedoch nicht geringer. Zweitens: Die Außenwerte. Sie ergeben kein einheitliches Bild. Gegenüber dem Schweizer Franken hat der Euro seit seiner Einführung knapp 40 Prozent verloren, heute steht der Kurs bei rund 0,936 nach 1,50 im Januar 2002. Gegenüber Dollar, Pfund und den skandinavischen Währungen sieht die Entwicklung anders aus, teilweise gegenläufig.

Wer den Euro für eine Katastrophe hält, wird an diesen beiden Punkten nicht vorbeikommen. Wer ihn für einen Erfolg hält, an den folgenden auch nicht.

Die Konstruktion des Euro trägt einen Konflikt in sich, den kein Gremium auflösen kann

Der häufigste Einwand gegen die Währungsunion lautet, eine Geldpolitik könne nicht zu zwanzig verschiedenen Volkswirtschaften passen. Das klingt nach Stammtisch. Es ist aber messbar.

Im Juli 2026 lag die Inflation im Euroraum bei 2,9 Prozent. Hinter diesem Mittelwert steht eine Spanne von 2,0 Prozent in Estland bis 5,6 Prozent in Litauen, dazwischen Frankreich mit 2,4, Deutschland mit 2,8 und Spanien mit 3,8 Prozent (Eurostat, Schnellschätzung). Der Einlagensatz der EZB liegt seit Juni 2026 bei 2,25 Prozent. Für Estland ist das eine straffe Geldpolitik, für Litauen eine deutlich negative Realverzinsung.

Die Streuung der Staatsfinanzen ist noch größer. Die Schuldenquote des Euroraums lag im ersten Quartal 2026 bei 88,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. Griechenland steht bei 143,5 Prozent, Belgien bei 109,1, Spanien bei 101,6. Estland bewegt sich im niedrigen Zwanzigerbereich. Eine Zinserhöhung von 25 Basispunkten bedeutet für einen Staat mit 143 Prozent Schuldenquote etwas völlig anderes als für einen mit 24 Prozent.

Das ist kein Konstruktionsfehler im Sinne eines Versehens. Es war bekannt und wurde in Kauf genommen, weil man auf Konvergenz hoffte. Diese Konvergenz ist leider ausgeblieben.

Die Target-Salden sind weder ein Kredit noch Nebensache

Über kaum eine Zahl wird so viel Unsinn geschrieben. Deshalb kurz, was sie tatsächlich ist:

Die Forderungen der Bundesbank aus dem Zahlungssystem TARGET beliefen sich am 31. Juli 2026 auf 1,037 Billionen Euro. Diese Zahl entsteht nicht durch eine politische Entscheidung, sondern buchhalterisch: Wenn Zentralbankgeld über Ländergrenzen fließt, baut die empfangende Notenbank eine Forderung gegenüber der EZB auf, die sendende eine Verbindlichkeit. Vor 2007 lagen die deutschen Forderungen nahe null. Der erste Anstieg kam mit der Eurokrise, als privates Kapital aus Südeuropa abfloss. Der zweite ab 2015 mit den Anleihekäufen, die zu großen Teilen über Banken außerhalb des Euroraums mit Konten bei der Bundesbank abgewickelt wurden.

Die Bundesbank selbst beschreibt das Risiko präzise: Es materialisiert sich erst, wenn ein Land mit negativem Saldo die Währungsunion verlässt und seine Verbindlichkeit nicht begleicht. Ein verbleibender Verlust würde dann nach Kapitalanteilen auf alle nationalen Notenbanken verteilt, unabhängig von der Höhe ihrer eigenen Forderung. Deutschland haftet in diesem Fall also nicht mit 1,037 Billionen, sondern mit rund einem Viertel des tatsächlichen Ausfalls.

Wer die Zahl als deutsche Kreditsumme an Italien präsentiert, hat sie nicht verstanden. Wer sie für bedeutungslos hält, allerdings auch. Sie ist die sichtbare Spur davon, dass die Kapitalflüsse innerhalb des Währungsraums seit fast zwanzig Jahren in eine Richtung zeigen.

Die eigentliche Lücke liegt bei der Kontrolle

Der Lissabon-Vertrag untersagt in Artikel 123 AEUV die unmittelbare Kreditgewährung an öffentliche Stellen und den direkten Erwerb von Staatsanleihen. Im Rahmen des Ankaufprogramms PSPP wurden vom Eurosystem gleichwohl 2,6 Billionen Euro für Staatsanleihen eingesetzt, gekauft am Sekundärmarkt.

2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht Teile dieses Programms wegen Überschreitung des übertragenen Mandats für ultra vires und die anderslautende Entscheidung des EuGH von 2018 insoweit in Deutschland für unverbindlich. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Karlsruhe wurde nicht gefolgt, die EZB lieferte eine Begründung nach, das Programm lief weiter. Seither ist offen, wer die Geldpolitik im Euroraum eigentlich wirksam kontrolliert. Das nationale Verfassungsgericht kann es nicht durchsetzen, das europäische Gericht will es nicht.

Man muss die Anleihekäufe nicht für falsch halten, um das für ein Problem zu halten. Eine Institution ohne wirksame Kontrolle wird früher oder später Dinge tun, für die sie nicht gebaut wurde.

Die Währungsentscheidung in Ihrem Depot ist längst gefallen, nur nicht von Ihnen

Damit zum Teil, der Ihr Vermögen betrifft. In der Praxis sehe ich zwei Zustände, und beide sind kein Ergebnis einer Entscheidung.

Der erste: Alles lautet auf Euro. Konten, Festgeld, gesetzliche Rente, Lebensversicherung, Immobilie, Betriebsvermögen. Bei einem Gesamtvermögen von 1,5 Millionen Euro liegt die Fremdwährungsquote dann exakt bei null.

Der zweite: Es existiert ein Aktienanteil über einen breiten Weltindex. In einem MSCI World entfallen rund 70 Prozent auf US-Titel. Bei 500.000 Euro Depotwert sind das etwa 350.000 Euro Dollar-Exponierung. Auf das Gesamtvermögen von 1,5 Millionen bezogen sind das rund 23 Prozent in einer einzigen Fremdwährung, konzentriert auf einen einzigen Markt. Eine Bewegung des Wechselkurses um zehn Prozent verschiebt hier 35.000 Euro, ohne dass ein einziger Kurs sich bewegt hätte.

Beide Zustände sind wohl eher ein Zufallsergebnisse. Über den Euro wird viel gestritten, über die eigene Währungsquote selten nachgedacht.

Was ehrlicherweise dagegen spricht

Drei Einwände, die Sie kennen sollten, bevor Sie etwas ändern.

Ihre Konsumwährung bleibt der Euro. Miete, Steuern, Arzt, Lebensmittel. Fremdwährung erzeugt gegenüber diesen Verbindlichkeiten zunächst Schwankung und keinen Ertrag.

Der Franken ist das beste Beispiel dafür, wie bescheiden der Effekt ausfällt. Wer im Januar 2002 10.000 Euro in Franken tauschte, erhielt 15.000 Franken. Heute sind daraus rund 16.030 Euro geworden. Das sind knapp zwei Prozent pro Jahr über 24 Jahre, bei praktisch keinem Zins, denn der Leitzins der Schweizerischen Nationalbank steht seit Juni 2025 bei null. Wer denselben Betrag in Sachwerten gehalten hat, steht deutlich besser da. Kaufkraftschutz ist im Kern eine Frage der Anlageklasse und erst danach eine der Währung.

Und bei Anleihen dominiert die Währungsschwankung regelmäßig die Ertragskomponente. Wer festverzinsliche Papiere zur Stabilisierung hält, sollte prüfen, ob eine Währungsabsicherung nicht der ehrlichere Weg ist.

Wer den Wohnsitz plant, plant die Währung mit

Es gibt eine Konstellation, in der Währungsdiversifikation keine Meinung über den Euro voraussetzt, sondern schlichte Bilanzlogik ist.

Wenn Sie planen, Teile des Ruhestands außerhalb des Euroraums zu verbringen, entstehen absehbar Verbindlichkeiten in fremder Währung. Wohnkosten, Krankenversicherung, laufender Lebensunterhalt. Dann wird die Frage nüchtern: Passt die Währungsstruktur meines Vermögens zur Währungsstruktur meiner künftigen Ausgaben? Das ist dieselbe Überlegung, die ein Mittelständler mit Exportgeschäft jedes Jahr anstellt, nur auf den Privathaushalt übertragen.

Für Selbstentscheider heißt das in der Umsetzung meist: die tatsächliche Währungsquote über alle Vermögensteile hinweg einmal ausrechnen, statt sie zu schätzen. Wer die Aktienseite über Fonds abbildet, kann die Regionen- und damit Währungsgewichtung im Depot aktiv setzen, statt sie der Indexkonstruktion zu überlassen; in unseren Modellportfolios über FundsMarket ist genau das eine der Stellschrauben. Physische Edelmetalle über SOLIT stehen wiederum außerhalb jeder Währungsordnung. Was davon zu Ihrer Situation passt, entscheiden Sie.

Die Debatte über den Euro ist eine politische. Die Frage, in welcher Währung Sie in zwanzig Jahren Ihre Rechnungen bezahlen, ist es nicht.

 


 

Wichtige Hinweise: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar. Er enthält keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung für einzelne Wertpapiere, Währungen oder Anlageklassen. Die dargestellten Beträge sind Modellrechnungen zur Veranschaulichung und bilden keine tatsächlichen Depots ab. Wechselkurse, Zinssätze und Marktdaten unterliegen laufenden Veränderungen; genannte Werte beziehen sich auf den Stand vom 28. August 2026. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Investitionen in Wertpapiere und Fremdwährungen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden; Währungsschwankungen können Erträge zusätzlich mindern. Sämtliche Angebote richten sich an Selbstentscheider im Rahmen des beratungsfreien Geschäfts (Execution Only). Die Anlageentscheidung und deren Verantwortung liegen ausschließlich bei Ihnen. Bitte ziehen Sie für Ihre persönliche Situation einen Steuerberater oder Rechtsanwalt hinzu.

Quellen: Eurostat (HVPI-Schnellschätzung Juli 2026; vierteljährliche Staatsschulden Q1 2026), Deutsche Bundesbank (TARGET-Salden, Stand 31. Juli 2026), Europäische Zentralbank, Schweizerische Nationalbank, Bundesverfassungsgericht (Urteil zum PSPP, 2020), Peter Gauweiler in DIE WELT vom 28. August 2026.