Kaum ein Anlagethema wird derzeit so intensiv diskutiert wie Verteidigung. Die moralische Seite dieser Frage haben wir an anderer Stelle ausführlich beleuchtet – 2022 grundsätzlich („Investieren in Rüstung – gibt es gut und schlecht und Moral?“) und zuletzt am Beispiel der „nachhaltigen” Rüstungsfonds („Frieden schaffen mit Waffen – im Investmentdepot?“). Diese Entscheidung muss jeder für sich treffen. In diesem Beitrag geht es ausdrücklich um etwas anderes: um die nüchterne finanzielle Einordnung. Denn nach zwei außergewöhnlich starken Börsenjahren verschiebt sich die entscheidende Frage. Sie lautet nicht mehr „Ist da etwas dran?”, sondern „Was liegt noch vor uns – und was ist längst eingepreist?”.
Die Nachfrageseite ist real und langfristig angelegt
Beginnen wir mit dem, was den Trend trägt. Die weltweiten Militärausgaben erreichten laut dem Friedensforschungsinstitut SIPRI im Jahr 2025 rund 2,9 Billionen US-Dollar – das elfte Jahr in Folge mit einem Anstieg und der höchste je gemessene Wert. Der Anteil der Verteidigung an der globalen Wirtschaftsleistung liegt mit 2,5 Prozent so hoch wie zuletzt 2009.
Der Treiber ist vor allem Europa. Hier stiegen die Ausgaben 2025 um 14 Prozent auf 864 Milliarden Dollar; Deutschland legte um rund 24 Prozent zu und überschritt mit einer Quote von 2,3 Prozent erstmals seit 1990 die alte Nato-Marke von zwei Prozent. Dahinter stehen politische Festlegungen mit langem Atem: Auf dem Nato-Gipfel 2025 verständigten sich die Mitglieder darauf, bis 2035 bis zu fünf Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung und sicherheitsrelevante Bereiche aufzuwenden, davon mindestens 3,5 Prozent für den militärischen Kern. Parallel will die EU im Rahmen ihrer „Readiness 2030″-Strategie bis zu 800 Milliarden Euro mobilisieren. Selbst die USA, deren Ausgaben 2025 leicht zurückgingen, steuern für die kommenden Jahre auf neue Rekordbudgets zu.
Entscheidend für Anleger ist die Qualität dieser Nachfrage. Große Beschaffungsprogramme laufen über viele Jahre, sind vertraglich abgesichert und folgen strategischen Entscheidungen von Staaten – nicht kurzfristigen Konjunkturzyklen. Das schafft eine planbare, strukturelle Nachfragebasis. Der Trend ist damit kein Nachrichtenstrohfeuer, sondern langfristig angelegt.
Längst nicht mehr nur Panzer
Wer bei Rüstung an Panzer und Kampfjets denkt, verkennt, wie sehr sich der Sektor verschoben hat. Ein wachsender Teil der Budgets fließt in Cybersicherheit, Drohnen, Satelliten, Sensorik, Aufklärung und künstliche Intelligenz. Verteidigung wird zum technologiegetriebenen Markt – ein Muster, das wir aus anderen Bereichen kennen, etwa wenn der eigentliche Engpass der KI nicht in Chips, sondern in Strom und Infrastruktur liegt (siehe „KI braucht mehr als Chips”). Für die Investmentseite bedeutet das: Die Wertschöpfung verteilt sich breiter, von klassischen Plattformanbietern über Triebwerks- und Sensorikspezialisten bis zu Software- und Cyberfirmen. Das eröffnet Chancen – macht aber zugleich schwerer zu beurteilen, was in einem „Verteidigungs”-Produkt eigentlich drinsteckt.
Was schon eingepreist ist – die unbequeme Seite
Hier beginnt der Teil, der im allgemeinen Enthusiasmus gern überlesen wird. Die Kurse vieler Rüstungswerte sind in den vergangenen Jahren außergewöhnlich gestiegen. Rheinmetall legte allein 2025 um rund 154 Prozent zu, ThyssenKrupp sogar um über 200 Prozent, und auch asiatische Werte verzeichneten dreistellige Zuwächse. Im laufenden Jahr kamen viele dieser Titel allerdings spürbar zurück. Die berechtigte Frage lautet: Wie viel der guten Nachricht steckt bereits in den Kursen?
Dazu kommen drei nüchterne Punkte. Erstens klaffen geopolitisches Narrativ und operative Realität mitunter auseinander – steigende Budgets führen nicht automatisch bei jedem Konzern zu höheren Gewinnen; auch im Verteidigungssektor gab es zuletzt Quartalsenttäuschungen. Zweitens sind die Produkte vergleichsweise teuer: Die Gesamtkostenquoten der gängigen Rüstungs-ETFs liegen im Schnitt bei gut 0,4 Prozent, deutlich über breiten Welt-ETFs. Drittens bleibt der Sektor im Gesamtmarkt klein und stark von Politik und Stimmung abhängig. Eine geopolitische Entspannung, ein Waffenstillstand oder veränderte Haushaltsprioritäten können die Bewertungen kurzfristig belasten – selbst wenn die langfristigen Fundamentaldaten intakt bleiben.
Das Fazit von Teil 1
Verteidigung ist mehr als ein Modethema: Die Nachfrage ist strukturell, politisch verankert und auf Jahre angelegt. Aber sie ist eben auch mehr als der Hype, als den ihn manche Schlagzeile verkauft. Nach einer steilen Aufwärtsbewegung ist der bequeme Teil der Geschichte womöglich vorbei; Bewertung, Konzentration und Sentiment sind reale Risiken, und das Timing spielt eine größere Rolle als bei einem breiten Weltportfolio. Genau deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob das Thema ins Depot gehört, sondern wie viel – und wie. Darum geht es im zweiten Teil.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Einordnung; er stellt keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf einzelner Wertpapiere oder Produkte dar. Genannte Kursentwicklungen sind vergangenheitsbezogen und kein verlässlicher Indikator für die Zukunft; Kurse können steigen und fallen. Datenquellen: SIPRI (Military Expenditure Database, April 2026), NATO, Europäische Kommission. Teil 2 wird in wenigen Wochen an gleicher Stelle veröffentlicht. Stand: Juni 2026.












