Die Finanzmärkte haben am Mittwochmorgen mit einem regelrechten Befreiungsschlag auf die Nachricht eines Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran reagiert. Nachdem in den vergangenen Tagen die Sorge vor einer weiteren Eskalation und einem Ölpreisschock dominierte, dreht sich das Bild nun abrupt: Der Preis für ein Fass Brent-Rohöl brach zeitweise um bis zu 16 % ein, während Aktienindizes in Europa kräftig zulegten. Der Dax übersprang im frühen Handel wieder die Marke von 24.000 Punkten, auch der Euro Stoxx 50 verzeichnete deutliche Gewinne. In Asien hatten die Börsen bereits positiv vorgelegt, und auch für die Wall Street zeichnen sich zum Handelsstart steigende Kurse ab.
Für viele Marktteilnehmer kommt diese Entwicklung einer überfälligen Entspannung gleich. „Der Markt war verzweifelt auf der Suche nach guten Nachrichten“, sagt Stephan Kemper, Chief Investmentstratege im Wealth Management von BNP Paribas. Das Kursfeuerwerk zeige, wie groß die Angst vor einer weiteren Eskalation gewesen sei – und vor Ölpreisen weit jenseits der Marke von 120 US-Dollar. Doch Kemper mahnt zur Vorsicht: Für eine nachhaltige Entwarnung sei es zu früh. Die angekündigte Öffnung der Straße von Hormus sei politisch bedeutsam, logistisch jedoch eine enorme Herausforderung. Derzeit warteten mehr als 1.000 Schiffe auf beiden Seiten der Meerenge, darunter Hunderte Öl- und Gastanker. Solange unklar sei, ob der Iran den Schiffsverkehr über technische Einschränkungen oder neue Gebühren kontrollieren werde, dürften Reeder und Versicherer zögerlich bleiben. Entsprechend hoch bleibe die Volatilität – auch weil die Waffenruhe bislang auf zwei Wochen befristet ist.
Ähnlich argumentiert Stephen Dover, Chefmarktstratege des Franklin Templeton Institute. Die aktuelle Entwicklung sei „weniger schlimm“, aber keineswegs eine Lösung des Problems. Der Waffenstillstand stehe und falle mit der dauerhaften Öffnung der Straße von Hormus. Die Auswirkungen des Konflikts hätten sich längst in den globalen Energie- und Handelsströmen niedergeschlagen. Neben Rohöl seien auch Flüssigerdgas, Düngemittel, Helium und Transportkosten betroffen. Zwar könnten fallende Ölpreise helfen, Stagflationsrisiken wieder zu reduzieren, doch Dover betont: „Der Schaden ist bereits angerichtet.“ Die Energieinfrastruktur in der Golfregion sei teilweise beschädigt, und es werde Zeit brauchen, bis die Produktionskapazitäten wieder vollständig hergestellt seien. Eine rasche Rückkehr zu den Vorkrisenpreisen sei daher unwahrscheinlich.
Für Anleger stellt sich damit die Frage, wie nachhaltig die aktuelle Rally tatsächlich ist. Christian Gattiker, Head of Research bei Julius Bär, sieht in der Entwicklung vor allem ein bekanntes Muster: schnelle Eskalation, taktische Pause, erneute Spannungen. Die zweiwöchige Waffenruhe sei eher eine Verschnaufpause als ein Endpunkt. Kurzfristig könne die Entspannung zwar eine taktische „Risk-on“-Bewegung auslösen, insbesondere in zuvor stark gefallenen Segmenten. Doch Gattiker betont, dass dies eher das Terrain kurzfristig orientierter Trader sei. Langfristig denkende Anleger sollten solche Phasen nutzen, um ihre Portfolios strategisch auszurichten, statt kurzfristigen Marktbewegungen hinterherzulaufen.
Auch aus geldpolitischer Sicht liefert die Entwicklung neue Argumente für vorsichtigen Optimismus. Thomas Altmann, Leiter Portfoliomanagement bei QC Partners, verweist darauf, dass die Hoffnung wachse, Notenbanken könnten den jüngsten Inflationsschub als temporär einordnen und ihre Geldpolitik weniger stark straffen. Ein Teil der aktuellen Kursgewinne dürfte zudem auf das Schließen von Short-Positionen zurückzuführen sein. Dennoch bleibt auch Altmann zurückhaltend: Der Energiemarkt werde lange brauchen, um zur Normalität zurückzukehren. Die Fördermengen der Opec-Staaten lagen zuletzt auf einem Niveau wie während des Golfkriegs 1990, beschädigte Förderanlagen – insbesondere im Gasbereich – müssten erst wieder hochgefahren werden.
Diese Einschätzung teilt auch Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. Der Kurssprung an den Aktienmärkten basiere vor allem auf der Erwartung, dass der Höhepunkt beim Ölpreis überschritten sein könnte und die Weltwirtschaft „mit einem blauen Auge“ davonkommt. Sinkende Energiepreise reduzierten zudem den Druck auf die Europäische Zentralbank, die Zinsen weiter anzuheben, wodurch das zuletzt viel diskutierte Stagflationsszenario an Wahrscheinlichkeit verliere. Doch der Fokus der Anleger verschiebe sich nun schnell auf die entscheidende Frage: Wird der Iran die Straße von Hormus tatsächlich offenhalten und auch bislang als feindlich betrachteten Tankern die Passage ermöglichen? Der Waffenstillstand kaufe Zeit für Verhandlungen, mehr aber auch nicht.
Fazit: Für Privatanleger mit ihrem aktuellen Fokus auf ihre Investmentfonds und ETFs ergibt sich daraus ein gemischtes Bild. Kurzfristig sorgt die Entspannung für Rückenwind, insbesondere bei breit gestreuten Aktienindizes und zyklischen Sektoren. Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit hoch, und die starke Marktreaktion verdeutlicht, wie fragil das Gleichgewicht weiterhin ist. Die kommenden Tage dürften daher weniger von fundamentalen Daten als vielmehr von geopolitischen Entwicklungen geprägt sein – und von der Frage, ob aus der aktuellen Waffenruhe tatsächlich ein stabiler Frieden erwachsen kann. Bis dahin gilt: Die Märkte haben aufgeatmet, aber sie bleiben nervös.














