Warum der größte Börsengang der Geschichte mehr über Marktmechanik verrät als über den fairen Wert

Gestern lief über die Ticker eine Zahl, bei der selbst abgebrühte Kapitalmarktbeobachter kurz innehalten:

1,77 Billionen Dollar.

So viel soll SpaceX wert sein, wenn das Unternehmen von Elon Musk an die US-Technologiebörse Nasdaq geht. Kein Konzern war beim Börsengang je größer – Saudi Aramco wirkt dagegen fast bescheiden. Und das bei einem Unternehmen, das im vergangenen Jahr fast fünf Milliarden Dollar Verlust schrieb, bei einem Umsatz von gerade einmal 18,7 Milliarden.

Genau hier beginnt das Interessante. Nicht bei der Rakete. Sondern bei der Frage, was diese Zahl eigentlich abbildet.

Ein Preis, der eine Geschichte erzählt – keine Bilanz

Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt jenseits des 90-Fachen. Zum Vergleich: Selbst Nvidia, der wertvollste Konzern der Welt, kommt auf etwa 23. Die wenigen unabhängigen Bewertungen, die vor der Roadshow erschienen, liegen alle deutlich unter dem Ausgabepreis – Morningstar bei 780 Milliarden, Pitchbook bei 1,15 Billionen, Bewertungslegende Aswath Damodaran bei 1,25 bis 1,35 Billionen. Übersetzt in einen Aktienkurs hieße das: zwischen 60 und 103 Dollar. Aufgerufen werden 135.

Die Differenz ist keine Bilanz. Sie ist eine Erzählung. Starship. KI-Rechenzentren im Orbit. Direkt-zu-Handy-Mobilfunk. Eine Mars-Kolonie. Segmente, deren Erfolg nicht bewiesen, sondern erhofft wird. Die Investmentbanken stützen den Preis mit Umsatzprognosen bis 2040 – ein Zeithorizont, der in der Branche sonst als kaum kalkulierbar gilt. Der Preis von 135 Dollar bewertet nicht das, was SpaceX ist. Er bewertet das, was SpaceX sein könnte.

Vier Unternehmen in einem

Erschwerend kommt hinzu: SpaceX ist längst kein reines Raumfahrtunternehmen mehr. Unter einem Dach stecken ein solides, aber langsames Raketengeschäft, das hochprofitable und schnell wachsende Satelliteninternet Starlink – der eigentliche Juwel –, eine tief defizitäre KI rund um Grok und xAI sowie die schwächelnde Plattform X. Das Profitable wächst. Das Spekulative verbrennt Geld. Und ausgerechnet das Spekulative trägt die Bewertung.

Warum der Kurs trotzdem zunächst steigen dürfte

Hier wird es lehrreich. Denn der wahrscheinliche Kursanstieg nach dem Start hat wenig mit fundamentalem Wert zu tun – und viel mit Mechanik. Nur rund fünf bis sieben Prozent der Aktien sind frei handelbar. Künstliche Verknappung. Gleichzeitig haben Nasdaq, MSCI und FTSE ihre Aufnahmeregeln kurzfristig umgeschrieben, damit die Aktie binnen Wochen in die großen Indizes rutscht. Sobald das geschieht, müssen die entsprechenden ETFs kaufen – mechanisch, unabhängig vom Preis. Schätzungen reichen bis zu zweistelligen Milliardenbeträgen an erzwungenen Käufen. Dazu eine bereits zweifach überzeichnete Order.

Knappes Angebot trifft auf erzwungene Nachfrage. Dass der Kurs eine Weile steigt, ist fast schon eingepreist. Ein Index-Effekt ist kein Geschäftsmodell. Forced Buying schafft Nachfrage, aber keinen Wert.

Die Schwerkraft kommt später

Der eigentliche Test steht erst ab Tag 70. Dann öffnen sich die ersten Verkaufsfenster für Insider – Gründer, Management, frühe Investoren. Sie verkaufen nicht direkt an die ETFs, aber in ein Kursniveau hinein, das die ETFs erst geschaffen haben. Findet sich dann nicht laufend neuer Käufer-Nachschub, wirkt das, wie ein Vermögensverwalter treffend sagte, „wie die Schwerkraft an einer Rakete”. Der Kurs der ersten Tage erzählt vom Angebot. Erst die Zeit nach der Lock-up-Frist erzählt vom Wert.

Drei Anleger, drei verschiedene Fragen

Wer „SpaceX kaufen” sagt, meint dreierlei.

Die Zeichnung ist eine Wette auf den kurzfristigen Pop – getrieben von Verknappung und Index-Käufen, nicht von Substanz. Sie kann aufgehen, verlangt aber Disziplin beim Ausstieg.

Das langfristige Direktinvestment bedeutet, einen Preis zu zahlen, den unabhängige Analysten 30 bis 55 Prozent über ihrem fairen Wert sehen – in einem verlustreichen Konglomerat, in dem Musk über Mehrfachstimmrechte rund 85 Prozent der Stimmen hält. Ein dänischer Pensionsfonds hat das Papier deshalb schon vor dem IPO ausgeschlossen. Bestenfalls eine kleine, hochspekulative Beimischung.

Der Fondsinvestor schließlich muss meist gar nichts tun. Über MSCI World oder Nasdaq-100 landet SpaceX automatisch im Depot – wegen des winzigen Streubesitzes aber mit homöopathischem Gewicht. Auf 100.000 Euro im breiten Welt-ETF entfallen vielleicht 80 bis 120 Euro. Für den breit gestreuten Sparplan ist der größte Börsengang der Geschichte – ein Nicht-Ereignis.

Die eigentliche Lehre

SpaceX ist weniger eine Geschichte über Raketen. Es ist eine Geschichte darüber, wie Preise heute entstehen.

Der Großteil der Wertschöpfung lag in den privaten Jahren – bei jenen, die 2018 zu einer Bewertung von 30 Milliarden einstiegen. Was an der Börse ankommt, ist ein dünner Anteil zu einem anspruchsvollen Preis, kurzfristig getragen von Mechanik statt Fundamentaldaten. Vielleicht wächst SpaceX in diese Bewertung hinein. Vielleicht auch nicht. Niemand weiß das sicher.

Sicher ist nur dies: Ob die Bewertung trägt, entscheidet sich nicht an der Index-Mechanik, sondern an Ergebnissen, Margen und Wachstum. Wer das verwechselt, kauft den Kaufdruck – nicht das Unternehmen.