Es beginnt oft leise – mit einem Anruf beim Family Office, einer diskreten Email an einen Steuerberater in Zürich, einem Gespräch am Rande eines Golfturniers in Dubai. Wenn sehr vermögende Menschen ihre Zelte abbrechen, passiert das selten laut. Doch die Summe dieser Bewegungen zeichnet ein neues Bild der globalen Vermögensverteilung. Im Jahr 2025, so der neue Henley Private Wealth Migration Report, wird dieses Bild dramatisch umgemalt.

Mehr als 142.000 Millionärinnen und Millionäre verlassen in diesem Jahr ihr Heimatland. Nicht aus Not, sondern aus Kalkül. Es ist die größte private Wohlstandsmigration, die jemals registriert wurde – und sie verändert politische Landkarten ebenso wie innerstädtische Immobilienpreise. Vor allem aber stellt sie eine neue Frage: Wohin zieht es die Reichen, wenn sie sich die Welt aussuchen können?

Der Abschied von alten Gewissheiten

Noch vor zehn Jahren galt Großbritannien als der Inbegriff eines reichenfreundlichen Landes. London war das natürliche Biotop für vermögende Banker, russische Oligarchen und internationale Kunsthändler. Doch diese Zeit ist vorbei. Das Vereinigte Königreich verliert 2025 über 16.500 vermögende Personen netto – der höchste Abfluss weltweit. Die politische Botschaft: Hier ist man nicht mehr willkommen, zumindest nicht steuerlich. Nach dem Aus des Investor-Visums und der Abkehr vom umstrittenen „Non-Dom“-Status suchen viele das Weite.

Auch Deutschland, Frankreich und Spanien gehören zu den Verlierern – subtiler vielleicht, aber nicht weniger konstant. In Deutschland etwa wird jeder Vorstoß in Richtung Vermögensabgabe oder Erbschaftssteuerreform sofort zum Investitionsrisiko für jene, die Alternativen haben. Und Alternativen gibt es viele.

Die neue Geografie des Wohlstands

Während manche Länder Reichtum vertreiben, schaffen andere diskret Willkommenskulturen für Kapital. Ganz vorne: die Vereinigten Arabischen Emirate, die USA und – wenig überraschend – die Schweiz.

Letztere wirkt dabei fast wie ein Fels in der Brandung. Kein steueroasenhaftes Spektakel, keine Marketingoffensiven à la Dubai. Stattdessen: Stabilität, Neutralität und ein diskretes Bankensystem. Im Jahr 2025 verzeichnet die Schweiz einen Nettozuzug von rund 3.000 Millionärinnen – ein stabiler Wert, der sie unter die Top-Vier weltweit bringt. Es sind nicht nur neue Reiche, die kommen, sondern auch altgediente Vermögensverwalter, die zurückkehren. Das Vertrauen ist geblieben.

Was die Schweiz so besonders macht, ist schwer in einem Satz zu fassen – aber es ist diese Kombination aus funktionierender Infrastruktur, politischer Verlässlichkeit, hervorragender Bildung und steuerlicher Eleganz. Kein Land versteht es besser, Reichtum nicht nur zu schützen, sondern ihm auch eine Heimat zu geben. In Zürich, Genf oder Luzern begegnet man Luxus nicht als Spektakel, sondern als Lebensstil. Und genau das suchen viele, die genug vom lauten Kapitalismus haben.

Migration als Strategie

Millionäre verlassen ihre Länder nicht, weil sie es müssen – sondern weil sie es können. Diese Freiheit des Kapitals formt eine neue Klasse globaler Nomaden. Viele von ihnen sind keine klassischen Erben oder Industriemagnaten, sondern Unternehmer, Tech-Gründer, Kryptoinvestoren. Sie denken nicht in Ländern, sondern in Netzwerken. Ihr Zuhause ist dort, wo sie gleichzeitig sicher, effizient und steuerlich optimiert leben können.

Dabei geht es nicht nur um Steuern, auch wenn diese ein gewichtiger Faktor bleiben. Mindestens ebenso wichtig sind Bildungsoptionen für die Kinder, Rechtssicherheit, Gesundheitsversorgung, kulturelle Offenheit – kurz: Lebensqualität. In der Schweiz etwa spielt das „Pauschalsteuer-Modell“ in einigen Kantonen eine Rolle, aber es ist der Rahmen, nicht der alleinige Grund.

Die USA profitieren derweil von einer anderen Art von Attraktivität: dem unternehmerischen Mythos. Hier locken Venture Capital, Wachstumsmärkte, Innovationscluster. In Kalifornien, Texas oder Florida finden vermögende Zuwanderer nicht nur steuerliche Vorteile, sondern auch Märkte für ihre Ideen.

Und dann gibt es Länder, die ganz gezielt um diese Zielgruppe werben. Portugal, Griechenland, Italien – allesamt ehemalige Krisenstaaten – bieten mit „Golden Visa“-Programmen, Steueranreizen und Einwanderungsoffensiven ein rundes Gesamtpaket. Der Wohlstand, den sie empfangen, schlägt sich nicht nur in Bauprojekten nieder, sondern oft auch in Unternehmensgründungen. Rund 15 Prozent der migrierenden Millionäre gründen im Zielland ein neues Unternehmen, bei den sogenannten „Centi-Millionären“ (ab 100 Mio. USD Vermögen) ist es sogar jeder Zweite.

Wer hat Angst vor den Reichen?

Nicht alle betrachten diese Entwicklung als positiv. Kritiker warnen vor einer „Eliteflucht“, bei der demokratische Länder mit progressiven Steuerpolitiken langfristig unter Druck geraten. Wenn Kapital nicht mehr an Nationen gebunden ist, wie lässt sich dann noch Sozialpolitik finanzieren? Diese Frage wird intensiver diskutiert werden müssen, vor allem in Ländern wie Deutschland oder Großbritannien.

Gleichzeitig zeigt sich: Migration ist nicht gleichbedeutend mit Abschottung. Viele Millionäre, die etwa in die Schweiz ziehen, behalten Beteiligungen oder Firmen in ihren Herkunftsländern. Sie zahlen dort weiterhin Steuern – nur eben nicht mehr alles. Was auf dem Spiel steht, ist weniger ein moralischer Anspruch als ein systemischer Wettbewerb um Steuerattraktivität, Lebensqualität und Vertrauen in politische Stabilität.

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