Wer sich ein Bild von der zweiten Jahreshälfte machen will, sollte nicht nur einer Stimme zuhören. Nachdem wir zum Halbjahreswechsel bereits die Ausblicke von Fidelity und J.P. Morgan nebeneinandergelegt haben, kommt nun die dritte große Stimme hinzu: BlackRock hat seinen globalen Halbjahresausblick vorgelegt, und der Titel ist Programm — „Scarcity versus Abundance”, Knappheit gegen Überfluss. Wir haben die Vorstellung durch das BlackRock Investment Institute verfolgt und ordnen für Sie ein, was davon für Sie relevant ist.
Die Kernthese: Der Weg zum Überfluss führt durch die Knappheit
Die Grundidee ist schnell erzählt, aber sie trägt weit. Auf der einen Seite steht eine Welt angebotsseitiger Engpässe — eine These, die BlackRock seit 2021 vertritt und die sich bislang bewährt hat: Arbeitskräfte werden demografisch bedingt knapper, Energie bleibt ein strategischer Engpassfaktor, Infrastruktur stößt an Grenzen, Lieferketten werden in einer fragmentierten Welt neu sortiert. Und, als jüngste Ergänzung: Kapital wird für immer mehr Zwecke gleichzeitig benötigt — Verteidigung, Energiewende, Digitalisierung konkurrieren um dieselben Mittel.
Auf der anderen Seite steht die Möglichkeit, dass künstliche Intelligenz genau diese Welt überwindet: dass Produktivitätsgewinne das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne dauerhaft über den historischen Trend heben. Das wäre die Welt des Überflusses.
Die Pointe liegt in der Reihenfolge. Bevor KI Produktivität liefert, konsumiert sie Ressourcen — Rechenleistung, Rechenzentren, Strom, Netze, Kapital, Fachkräfte. KI verschärft also zunächst genau die Engpässe, die ohnehin bestehen. Der Weg in eine mögliche Welt des Überflusses führt zuerst durch eine Welt noch verschärfter Knappheit. Wer diesen Satz verinnerlicht, versteht den Rest des Ausblicks fast von selbst.
Das historische Maß mahnt zur Demut
Besonders lesenswert ist der Blick in die lange Historie. Seit 1870 ist das reale Pro-Kopf-Einkommen in den USA im Trend um etwa 1,9 Prozent pro Jahr gewachsen — und weder Elektrifizierung noch Automobil, Computer oder Internet haben diesen Pfad dauerhaft nach oben durchbrochen. Das ist die Messlatte, an der sich KI messen lassen muss. BlackRock hält im Überfluss-Szenario Wachstumsraten von rund dreieinhalb Prozent für denkbar, betont aber eine Unterscheidung, die ich für zentral halte: Der aktuelle Investitionsboom erzeugt einen Wachstumsbuckel. Der echte Sprung käme erst über breite Produktivitätsgewinne — und ob der gelingt, ist offen.
Ehrlich ist der Ausblick auch bei der Bewertungsfrage. Das rückwärtsgewandte Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt für KI-nahe Segmente um die 40 und damit nahe der Dotcom-Niveaus; das vorwärtsgerichtete Kurs-Gewinn-Verhältnis des US-Marktes bei rund 20. Beide Zahlen stimmen — sie messen nur Unterschiedliches. Fallen die Gewinne künftig auf historische Wachstumsmuster zurück, ist vieles teuer. Gelingt der Produktivitätssprung, führt die alte Messlatte in die Irre. Die hohen Bewertungen sind nur haltbar, wenn geliefert wird — und die Messlatte liegt hoch.
Drei Anlagethemen — und was sie für Selbstentscheider bedeuten
Weil niemand heute weiß, welches Szenario eintritt, rät BlackRock davon ab, das Portfolio um eine einzige Prognose herum zu bauen. Stattdessen stehen drei Themen im Fokus, die über verschiedene Szenarien hinweg tragen sollen.
Erstens: KI-Engpässe. Statt zu raten, welches Modell oder welche Anwendung gewinnt, richtet sich der Blick auf das, was jede KI braucht — Strom, Netze, Rechenzentren, Speicherchips. Ein wachsender Teil der Wertschöpfung landet außerhalb der klassischen Halbleiterwelt. Das gilt auch für die nächste Stufe, die physische KI: Robotik und autonome Systeme benötigen Sensoren, Batterien, Magnete und Fertigungskapazitäten — Felder, auf denen China Stärken hat, während die USA bei Modellen und Software dominieren. Leser dieser Seiten kennen diese Logik: Sie ist der Grund, warum in unserem THEMEN-Portfolio Infrastruktur- und Rechenzentrumsthemen seit Langem eigenständig gewichtet sind. Bemerkenswert am Rande: Vermeintliche Ausweichmanöver wie Small Caps oder Value hängen laut der Analyse oft stärker an KI-Gewinnen, als viele Anleger denken. Wer glaubt, damit diversifiziert zu sein, sollte genauer hinsehen.
Zweitens: verlässliches Einkommen. In einem Umfeld strukturell höherer Zinsen bleibt Einkommen ein Anker im Portfolio — bevorzugt am kurzen und mittleren Laufzeitenende, mit europäischen Staatsanleihen als interessantestem Feld, ergänzt um selektive Unternehmensanleihen und Private Credit. Entscheidend ist weniger die Höhe der Rendite als ihre Quelle und Verlässlichkeit. Wer seine Entnahmephase plant, findet diese Logik im Einnahmenportfolio unseres StrategyMarket wieder; wer Private Credit beimischen will, sollte die Liquiditätsspielregeln kennen, die wir in der Rubrik Private Markets regelmäßig besprechen.
Drittens: über Etiketten hinausdenken. BlackRock formuliert einen Gedanken, der die Portfoliokonstruktion betrifft: Die Frage lautet künftig weniger, welche Anlageklasse man besitzen will, sondern welcher strukturellen Entwicklung man ausgesetzt sein möchte — KI, geopolitische Fragmentierung, Energiewende, Demografie. Der praktische Nutzen: Wer sein Depot einmal in Themen statt in Schubladen denkt, entdeckt implizite Wetten, die sich sonst unbemerkt verstecken.
Die Positionierung — und unser Fazit
Taktisch bleibt BlackRock bei einem moderaten Übergewicht in US-Aktien, stellt Europa neutral mit Favoriten bei Finanzwerten, Gesundheit und zunehmend Industrie, und hat das Übergewicht in Schwellenländern nach starken Kursgewinnen in Korea und Taiwan glattgestellt — kein strukturelles Negativurteil, sondern Gewinnmitnahme, mit einer Präferenz für Lateinamerika als Rohstoffexporteur.
Der Ausblick bestätigt in erstaunlich vielen Punkten, was Fidelity und J.P. Morgan bereits gezeichnet haben — investiert bleiben, aber selektiver werden, Einkommen als Anker nutzen, Geopolitik als Risiko führen statt als Handelssignal. Wo sich drei große Häuser unabhängig voneinander einig sind, ist das Signal belastbar. Zwei Größen entscheiden bis zum Herbst: die Gewinnentwicklung der KI-Werte und das Zinsniveau. Beides behalten wir für Sie im Blick.
Quelle: BlackRock Investment Institute, Midyear Outlook 2026 („Scarcity versus Abundance”). Dieser Beitrag ist eine allgemeine Markteinordnung und keine Anlageberatung; er enthält keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Frühere Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Kapitalanlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden.












