Welt im Wandel, Europa im Sandwich – das Interview mit Dr. Jürgen Michels

Die Diskussion um Kapitalmärkte kreist häufig um Aktien, Trends und kurzfristige Chancen. In diesem Gespräch bewusst nicht. Gemeinsam mit Dr. Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB, richten wir den Blick auf die großen Zusammenhänge: Weltwirtschaft, geopolitische Verschiebungen, die Rolle Europas, die Handlungsspielräume der EZB und die langfristigen Folgen steigender Staatsverschuldung.

Ein Gespräch über Strukturen, nicht über Schlagzeilen – und über Risiken, die Anleger oft erst dann wahrnehmen, wenn es zu spät ist.

Ableitungen für private Investoren:

Was lässt sich aus diesen Einschätzungen für private Anleger ableiten – ohne auf einzelne Produkte zu schauen?

Erstens: Makro ist kein Hintergrundrauschen mehr.

Die Phase, in der Geldpolitik und Staatsfinanzen für Anleger kaum relevant waren, ist vorbei. Steigende Schulden und politischer Druck auf Zentralbanken beeinflussen Zinsen, Bewertungen und Währungen. Wer investiert, sollte diese Rahmenbedingungen zumindest grob verstehen.

Zweitens: Zinsen sind wieder ein aktiver Risikofaktor.

Nicht nur das Zinsniveau, sondern auch die Form der Zinsstrukturkurve gewinnt an Bedeutung. Steigende langfristige Renditen bedeuten Bewertungsdruck auf Anleihen ebenso wie auf zinssensible Anlageklassen. Laufzeiten, Flexibilität und Risikostreuung werden wichtiger als Renditejagd.

Drittens: Staatsfinanzen verdienen Aufmerksamkeit.

Nicht jede Verschuldung ist gleich problematisch, aber ihre Struktur zählt. Länder mit hohem Refinanzierungsbedarf und politisch begrenztem Handlungsspielraum reagieren sensibler auf Zinsanstiege. Das betrifft indirekt auch Unternehmen und Märkte.

Viertens: Europa ist schwächer – aber nicht schwach.

Europas wirtschaftliche und finanzielle Bedeutung wird oft unterschätzt. Für Anleger heißt das: Europa nicht reflexartig abschreiben, sondern differenziert betrachten – zwischen Strukturproblemen und realer Substanz.

Fünftens: Sicherheit entsteht durch Denken, nicht durch Produkte.

In einem Umfeld struktureller Veränderungen ist die wichtigste Anlegerentscheidung nicht der nächste Trend, sondern die eigene strategische Aufstellung: realistische Erwartungen, robuste Portfolios, Akzeptanz von Schwankungen und ein bewusster Umgang mit Risiken.

Dieses Gespräch lieferte keine schnellen oberflächlichen Antworten sondern einen klaren Kompass für ein anspruchsvoller gewordenes Kapitalmarktumfeld.


 

Zur Person: Dr. Jürgen Michels ist Chefvolkswirt der BayernLB. Zuvor arbeitete er viele Jahre bei der Citigroup in London, zuletzt als Chefvolkswirt für den Euroraum. Seine Schwerpunkte sind Geldpolitik, Zinsmärkte und europäische Wirtschaftsentwicklung. Er promovierte zu Zentralbankstrategien und gilt als ausgewiesener EZB-Experte.