Von Wilson bis Bush – die Wandlungsfähigkeit eines Begriffs

Der Begriff „New World Order“ ist älter, als viele annehmen. Bereits 1919, in den letzten Atemzügen des Ersten Weltkriegs, prägte US-Präsident Woodrow Wilson die Vorstellung, eine internationale Ordnung schaffen zu können, die durch gemeinsame Regeln und Institutionen dauerhaft Frieden sichern würde. Sein Projekt, der Völkerbund, war ein radikaler Bruch mit der bis dahin geltenden Machtpolitik. Die Welt, so Wilsons Vision, sollte nicht länger von geheimen Bündnissen und imperialen Interessen bestimmt werden, sondern von einem transparenten System kollektiver Sicherheit.

Dieses Konzept war für die damalige Zeit revolutionär – und scheiterte doch. Die USA traten dem Völkerbund nie bei, viele europäische Mächte hielten an nationalistischen Agenden fest, und in den 1930er-Jahren zerfiel die fragile Ordnung unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise, autoritärer Regime und territorialer Expansionen. Der „neue Weltfrieden“, den Wilson erhoffte, hielt gerade einmal ein Jahrzehnt.

Rund siebzig Jahre später griff George H. W. Bush den Begriff wieder auf. Im September 1990, wenige Wochen nach dem Einmarsch des Irak in Kuwait, sprach er vor dem US-Kongress von einer „neuen Weltordnung“, in der Staaten „aus einer gemeinsamen Verantwortung heraus“ handeln würden. Der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu, die Sowjetunion war wirtschaftlich und politisch erschöpft, und es schien, als könnten die USA als einzige Supermacht eine stabile, liberale Weltgemeinschaft anführen. Bushs Rede war durchdrungen vom Optimismus der Globalisierung: Freihandel, liberale Demokratien und multilaterale Institutionen würden den Frieden sichern, so der Glaube.

In den 1990er-Jahren war dieser Optimismus in vielen westlichen Hauptstädten fast greifbar. Die WTO wurde gegründet, Handelsbarrieren fielen, Demokratien breiteten sich aus, und technologischer Fortschritt versprach eine neue Ära des Wohlstands. Doch schon damals gab es Gegenbewegungen: die Proteste gegen die WTO in Seattle 1999, die wachsende Skepsis gegenüber der US-geführten Weltordnung in Russland und China, und nicht zuletzt der Aufstieg radikaler Gruppen, die in der westlich geprägten Globalisierung eine Bedrohung sahen.

Der Zerfall der Nachkriegsordnung

Heute, im Jahr 2025, ist von dieser Euphorie kaum noch etwas übrig. Die liberale Weltordnung, die nach 1945 unter US-Führung entstand und 1990 noch einmal bestätigt schien, steht vor einer existenziellen Zerreißprobe. Multilateralismus, einst das Herzstück dieser Struktur, wird zunehmend durch bilaterale Deals und regionale Machtbündnisse ersetzt. Institutionen, die als überparteiliche Schiedsrichter galten, verlieren ihre Autorität, sobald ihre Entscheidungen den Interessen mächtiger Staaten widersprechen.

Donald Trump ist nicht der alleinige Architekt dieser Erosion, doch er hat sie beschleunigt. In seiner ersten Amtszeit (2017–2021) stellte er die Unabhängigkeit zentraler Institutionen infrage, kündigte internationale Abkommen, setzte auf Strafzölle statt auf Freihandel und definierte Außenpolitik als eine Serie von „Deals“. Nun, nach seiner Rückkehr ins Amt 2025, setzt er diesen Kurs fort – noch selbstbewusster und in einer geopolitischen Lage, die ungleich fragiler ist als vor acht Jahren.

Was hier geschieht, ist mehr als eine Veränderung politischer Prioritäten. Es ist der Abschied von einer Ordnung, die auf Regeln, Verlässlichkeit und einem Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen beruhte. Damit kehrt die Welt zu einer Logik zurück, die Historiker als „klassische Machtpolitik“ bezeichnen – eine Logik, die vor 1945 zur Norm gehörte.

Multipolare Realität und neue Bruchlinien

Die entstehende Weltordnung ist kein homogenes Gebilde, sondern ein Flickenteppich rivalisierender Machtzentren. Der geopolitische Wettbewerb zwischen den USA und China ist dabei der prägende Konflikt des 21. Jahrhunderts. China sieht sich nicht mehr als „aufstrebende“ Macht innerhalb der bestehenden Ordnung, sondern als gleichberechtigter Architekt einer alternativen Struktur, in der westliche Institutionen wie IWF oder Weltbank an Bedeutung verlieren.

Russland wiederum versucht, seinen Einfluss im postsowjetischen Raum mit Gewalt zu behaupten – vom Krieg in der Ukraine bis zu verdeckten Operationen im Kaukasus. Parallel dazu gewinnen Staaten des Globalen Südens an Gewicht. Formate wie BRICS+, in denen Brasilien, Indien, Südafrika und andere regionale Mächte zusammenarbeiten, treten zunehmend selbstbewusst auf.

Ein zentrales Schlachtfeld dieser neuen Ordnung ist die Technologie. Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, Hyperschallwaffen und seltene Erden sind nicht nur wirtschaftliche Güter, sondern strategische Ressourcen, die über militärische und wirtschaftliche Dominanz entscheiden. In dieser multipolaren Welt gibt es keinen übergeordneten Schiedsrichter mehr, der verbindliche Regeln durchsetzt – ein wesentlicher Unterschied zur unipolaren Phase der 1990er-Jahre.

Die Parallelen zur Zwischenkriegszeit sind unübersehbar. Damals scheiterte der Völkerbund an fehlender Durchsetzungskraft und der Weigerung der Großmächte, sich an gemeinsame Regeln zu halten. Das Ergebnis war eine Phase aggressiver Machtpolitik, die in den Zweiten Weltkrieg mündete. Der Gedanke einer „neuen Weltordnung“ wurde damals erst wieder nach der Katastrophe von 1945 ernsthaft aufgegriffen.

Der psychologische Kompassverlust

Dieser geopolitische Umbruch ist nicht nur eine Frage von Machtverschiebungen, sondern auch ein psychologischer Einschnitt. Gesellschaften brauchen stabile Weltbilder, um Entscheidungen einordnen zu können. Über Jahrzehnte hinweg galt Freihandel als Motor für Wohlstand, multilaterale Institutionen als Garanten für Frieden und technologischer Fortschritt als nahezu automatisch positiv.

Doch wenn diese Grundannahmen plötzlich ins Gegenteil verkehrt werden – wenn Klimaschutzprogramme von heute auf morgen durch eine Rückkehr zu fossilen Energieträgern ersetzt werden, wenn Handelsabkommen durch Strafzölle blockiert werden, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse politisch relativiert werden – entsteht kollektive Desorientierung. Diese Unsicherheit öffnet den Raum für autoritäre Narrative, die einfache Antworten auf komplexe Fragen versprechen.

Historisch ist das kein neues Phänomen. In den 1920er- und 1930er-Jahren führte die wirtschaftliche und politische Instabilität nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Aufstieg autoritärer Regime, die versprachen, Ordnung und nationale Größe wiederherzustellen. Der Preis für diese vermeintliche Stabilität war hoch – er wurde in Form von Krieg und Diktatur gezahlt.

Die Akteure der kommenden Ordnung

In der aktuellen Transformation treten neue Machtzentren auf, die nicht primär staatlich organisiert sind. Technologische Eliten – Unternehmer wie Peter Thiel, Elon Musk oder Alex Karp – vertreten offen die Ansicht, dass Demokratien zu langsam und ineffizient seien, um in einer technologisch beschleunigten Welt zu bestehen. Manche, wie der Blogger Curtis Yarvin, gehen noch weiter und propagieren eine „Dark Enlightenment“: eine technokratisch-monarchistische Ordnung, in der demokratische Institutionen weitgehend durch zentralisierte Führungsstrukturen ersetzt werden.

Solche Ideen haben historische Vorläufer. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es technokratische Bewegungen, die eine „Regierung der Experten“ forderten. In der Großen Depression der 1930er-Jahre wurden in den USA Stimmen laut, die Politik solle sich der „wissenschaftlichen Steuerung“ durch Ingenieure und Wirtschaftsexperten unterordnen. Der Unterschied heute: Die modernen Technokraten verfügen selbst über enorme Kapital- und Technologiemacht, die in vielen Bereichen der staatlichen Kontrolle entzogen ist.

In einer Welt, in der die Kontrolle über Künstliche Intelligenz und digitale Infrastrukturen über geopolitische Macht entscheidet, könnte diese private Einflussnahme ein entscheidender Faktor der künftigen „New World Order“ werden. Die Frage, ob diese Ordnung auf demokratischer Legitimität oder auf der Macht einiger weniger basiert, ist damit nicht mehr theoretisch – sie ist akut.

Lehren aus früheren „Neuen Weltordnungen“

Epochen, in denen von einer neuen Weltordnung gesprochen wurde, folgten fast immer demselben Muster: Zuerst zerbrach eine bestehende Ordnung, oft in einem Krieg oder einer tiefen Wirtschaftskrise. Dann traten neue Hegemonialmächte auf, die in der Lage waren, ein Regelwerk durchzusetzen. Schließlich gab es fast immer eine technologische oder wirtschaftliche Revolution, die das Machtgefüge verschob.

Das Ende der napoleonischen Kriege 1815 führte zum Wiener Kongress, der für fast ein Jahrhundert relative Stabilität in Europa schuf – allerdings auf Kosten demokratischer Teilhabe. Nach dem Ersten Weltkrieg scheiterte der Versuch einer regelbasierten Ordnung im Völkerbund an fehlender Machtbasis. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelang mit der US-geführten Ordnung ein Modell, das für Jahrzehnte Frieden und Wohlstand in großen Teilen der Welt brachte.

Heute finden sich alle drei Bedingungen wieder: Die Nachkriegsordnung von 1945 zerfällt, die globale Macht verteilt sich neu, und technologische Umbrüche verändern die Grundlagen wirtschaftlicher und militärischer Stärke. Die Frage ist, ob wir diesmal in der Lage sind, eine stabile Ordnung ohne einen globalen Krieg zu schaffen.

Kapitalmärkte im Strudel der „New World Order“

Die Neuverhandlung der weltweiten Machtverhältnisse ist nicht nur ein geopolitisches und politisches Phänomen, sie wirkt unmittelbar auf die Kapitalmärkte. Historisch haben große Verschiebungen in der Weltordnung stets zu tiefen, aber oft auch zu sehr ungleich verteilten Vermögenseffekten geführt. Der Wiener Kongress 1815 leitete eine lange Hausse in britischen Anleihen und den globalen Handel ein, die Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg befeuerte den größten Aktienboom des 20. Jahrhunderts, während die instabile Zwischenkriegszeit Anlegern mit Währungszusammenbrüchen, Hyperinflation und extremen Kursstürzen zusetzte.

Auch die heutige Transformation wird Gewinner und Verlierer hervorbringen. Die zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft bedeutet für Anleger, dass globale Lieferketten instabiler werden, Produktionskosten steigen und bestimmte Märkte politisch blockiert oder erschwert zugänglich sein können. Für multinationale Konzerne, die bisher vom reibungslosen Welthandel profitiert haben, ist das ein strukturelles Risiko. Dagegen gewinnen Branchen an Attraktivität, die in einer fragmentierten Welt als strategische Ressourcen gelten: Energie – insbesondere erneuerbare Energien, aber auch fossile Brennstoffe in Übergangsphasen –, kritische Rohstoffe wie Lithium oder seltene Erden, Cybersecurity und Verteidigungstechnologie.

Die anhaltende geopolitische Unsicherheit erhöht die Volatilität an den Aktienmärkten. Anleger erleben häufiger plötzliche, ereignisgetriebene Korrekturen – ausgelöst durch politische Entscheidungen, Sanktionen, militärische Zwischenfälle oder Handelsrestriktionen. In einem solchen Umfeld gewinnen defensive Sektoren wie Basiskonsumgüter, Gesundheit und Versorger an Bedeutung. Historische Muster zeigen zudem, dass in Zeiten multipolarer Machtkonstellationen Unternehmen mit starker Binnenmarktorientierung und geringer Exportabhängigkeit oft stabiler performen als global stark verflochtene Konzerne.

Währungsrisiken nehmen zu. Das System einer klar dominierenden Leitwährung, wie es der US-Dollar seit 1945 darstellte, wird zunehmend infrage gestellt. Parallel entstehen alternative Zahlungssysteme und bilaterale Abkommen in Landeswährungen, etwa zwischen China und rohstoffreichen Staaten. Für Anleger bedeutet das, dass Diversifikation über mehrere Währungsräume und gegebenenfalls auch physische Werte wie Gold wieder stärker ins Blickfeld rücken.

Auch die Rolle von Staatsanleihen verändert sich. Während in Phasen klarer geopolitischer Stabilität Staatsanleihen sicherer Industrieländer als „risikofrei“ gelten, können Schuldenkrisen, hohe Verteidigungsausgaben und steigende Zinsen ihre Stabilität belasten. In der Zwischenkriegszeit waren es oft Rohstoffe und Sachwerte, die Kaufkraft am besten erhielten; in der Nachkriegszeit dagegen waren es langfristige Anleihen, die vom Zinsrückgang profitierten.

Anlagestrategien in dieser „New World Order“ erfordern daher eine Kombination aus breiter Diversifikation, geopolitischem Risikomanagement und der Bereitschaft, taktisch zu agieren. Das bedeutet: eine Aufteilung des Portfolios über verschiedene Anlageklassen und Regionen, eine sorgfältige Beobachtung politischer Entwicklungen und die Flexibilität, Positionen anzupassen, wenn sich die geopolitische Lage ändert. Private und institutionelle Investoren sollten verstärkt auf Szenarioanalysen setzen – nicht nur auf Basis von Wirtschaftszyklen, sondern auch mit Blick auf potenzielle geopolitische Bruchpunkte.

So wie in früheren Epochen der Umbruch nicht nur Risiken, sondern auch neue Chancen eröffnete, gilt auch heute: Die Fähigkeit, technologische, politische und wirtschaftliche Trends früh zu erkennen, entscheidet über den langfristigen Anlageerfolg. In einer Welt, in der Machtpolitik und Märkte eng miteinander verflochten sind, ist Kapitalanlage kein rein finanzielles, sondern auch ein strategisches Handeln im Spannungsfeld einer sich neu formierenden Weltordnung.