Es passiert selten, dass ein Land wie Großbritannien sichtbar ins Stolpern gerät – noch seltener, dass es seine Fehler so offen korrigiert. Doch genau das erleben wir aktuell rund um die Abschaffung des „Non-Dom“-Regimes. Was als politisch populäre Maßnahme begann, droht sich für das Vereinigte Königreich zu einem strukturellen Standortproblem auszuwachsen. Und Deutschland täte gut daran, dieses Beispiel nicht als Anekdote zu betrachten, sondern als Lehrstück für eine Welt, in der Kapital, Top-Talente und Wissen zwischen Ländern beweglicher sind denn je.
Ein Warnsignal in Echtzeit
Die britische Regierung wollte mit der Abschaffung der steuerlichen Sonderbehandlung für zugezogene Vermögende ein Zeichen setzen – politisch, moralisch, gesellschaftlich. Herausgekommen ist ein Experiment, dessen Nebeneffekte nun kaum noch zu übersehen sind: Milliardäre, Gründer, Tech-Ikonen und Erben alter Vermögen kehren London den Rücken, teils leise, teils öffentlichkeitswirksam. Das Land verliert nicht nur Steuersubstrat, sondern auch Netzwerke, Know-how und Investitionen.
Als nun selbst Labour-Schatzkanzlerin Rachel Reeves zurückrudert und neue Obergrenzen für Erbschaftsteuern sowie ein steuerliches Anwerbeprogramm für Top-Fachkräfte ankündigt, ist das nichts anderes als eine unfreiwillige Bestätigung: Man kann Kapital belasten – aber nicht überfordern. Und politischer Applaus gleicht ein verloren gegangenes Ökosystem aus Talenten und Kapital niemals aus.
Deutschland steht an einem ähnlichen Scheideweg – und wirkt erstaunlich unbeteiligt
Während in London Alarmstimmung herrscht, schaut Deutschland zu – und diskutiert zur selben Zeit über höhere Steuern für Vermögende, eine Vermögensteuer, eine stärkere Erbschaftsbesteuerung oder gar die „Abschaffung von Milliardären“. Forderungen, die sich politisch zwar gut verkaufen lassen, deren ökonomische Folgen jedoch kaum realistischer sein könnten als die britischen.
Die politische Grundströmung im Bund verläuft aktuell leicht nach links – nicht unbedingt radikal, aber doch mit Tendenzen zu höheren Abgaben für hohe Einkommen und Vermögen. Und diese Strömung wird verstärkt durch gesellschaftliche Debatten, die zunehmend moralisch geführt werden: Wer viel hat, soll mehr geben – und wer sehr viel hat, hat per se einiges zu erklären.
Doch hier beginnt das Risiko. Denn Deutschland ist nicht Singapur, nicht USA, nicht Schweiz – Länder, die Rückschläge in der Kapitalmobilität durch wirtschaftliche Dynamik kompensieren können. Deutschland hat seit Jahren andere strukturelle Probleme: eine alternde Bevölkerung, eine schwache Verwaltung, eine oft innovationsfeindliche Regulierung, ein Investitionsdefizit, und eine immer noch schleppende Digitalisierung.
Kurz: Wir können uns die Abwanderung von Leistungsträgern, Kapitaleignern und echten Fachkräften noch viel weniger leisten als Großbritannien.
Was wir aus London lernen müssen
1. Steuerpolitik darf nicht als politisches Signal missbraucht werden: London hat gezeigt, dass Symbolpolitik teuer werden kann. Ein steuerliches „Zeichen“ nach innen mag gut klingen – aber die Reaktion derer, die flexibel genug sind, einfach zu gehen, entscheidet über den volkswirtschaftlichen Nettoeffekt. Ein Land, das Fachkräfte anlocken will, sollte zuerst vermeiden, jene zu vertreiben, die bereits da sind.
2. Fachkräftegewinnung funktioniert nicht ohne Attraktivität – finanziell wie kulturell: Großbritannien plant nun ein „Steuerangebot“ für hochqualifizierte Zuwanderer. Deutschland hingegen lächelt oft über „Talente“, während es ihnen gleichzeitig endlose Bürokratie, langsame Visa-Prozesse, unattraktive Steuerbedingungen und eine zunehmende gesellschaftliche Misstrauenskultur entgegenstellt. Wer wirklich globale Spitzenkräfte anziehen will, muss mehr bieten als eine schöne Willkommensbroschüre.
3. Kapitalflucht ist keine Drohung – sie ist eine Realität: Dass mindestens 120 Milliarden Dollar an Vermögen bereits aus Großbritannien weggezogen sind, zeigt, wie schnell Wohlhabende reagieren. Deutschland sollte sich nicht darauf verlassen, dass Vermögen „schon bleiben wird“. Vergessen wir nicht: Viele deutsche Top-Unternehmerinnen und Gründerinnen haben längst Zweitwohnsitze in der Schweiz, Österreich, Dubai oder London – und stecken jetzt sehr aufmerksam die Fühler aus.
Was Deutschland jetzt nicht tun darf
Deutschland steht an einem Punkt, an dem eine falsche steuerpolitische Bewegung mehr Schaden anrichten könnte als manchem bislang bewusst ist. Der wichtigste Imperativ lautet: keine Experimente aus politischem Affekt heraus. Steuerpolitik darf nicht zum Ventil gesellschaftlicher Stimmungen werden. Wenn Berlin aus moralischem Überschwang versucht, Vermögen stärker zu belasten, riskiert es, den gleichen Fehler zu wiederholen, der London in die Defensive gezwungen hat. Eine Vermögensteuer, die mehr administrativen Aufwand verursacht als sie einbringt, wäre kein Instrument sozialer Gerechtigkeit, sondern ein Standortnachteil, der sich bitter rächen könnte.
Ebenso gefährlich wäre ein gesellschaftliches Klima, das Erfolg misstrauisch beäugt, statt ihn als Bestandteil ökonomischer Leistungsfähigkeit zu akzeptieren. Deutschland kann es sich nicht leisten, Unternehmerinnen und Unternehmer, Gründer, Investoren und Nachfolgerinnen in Familienbetrieben als gesellschaftliche Problemgruppe zu behandeln. Die politische Rhetorik, die Reichtum mit moralischem Makel verbindet, vergiftet langfristig die wirtschaftliche Substanz eines Landes, dessen Wohlstand zu großen Teilen auf privatwirtschaftlicher Initiative beruht.
Gerade bei Erbschaften und Nachfolgeregelungen wäre ein unbedachter Griff in das Gefüge der Familienunternehmen ein Fehler historischen Ausmaßes. Eine weiter verschärfte Erbschaftsbesteuerung würde nicht nur Vermögende treffen, sondern vor allem jene mittelständischen Betriebe destabilisieren, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Was als Korrektur angeblicher Ungerechtigkeiten gedacht ist, könnte am Ende die Nachfolgefähigkeit tausender Unternehmen untergraben.
Deutschland sollte daher sehr genau darüber nachdenken, welche Signale es aussendet – nicht nur an jene, die schon hier sind, sondern auch an die Talente und Investoren, die wir eigentlich anlocken wollen. Eine Politik, die ambitioniert sein darf, aber nicht überhitzt, ist der einzige Weg, um die Fehler anderer Länder nicht zu wiederholen. Entscheidend ist, die Balance zu wahren: zwischen sozialem Anspruch und ökonomischer Vernunft, zwischen notwendiger Regulierung und der Freiheit, unternehmerisch tätig zu sein. Nur wenn diese Balance gelingt, bleibt Deutschland ein Land, das Wohlstand nicht nur verwaltet, sondern auch schafft.












