Ich habe heute Morgen an einem Marktupdate mit dem Amundi Investment Institute teilgenommen. Mit dabei waren u.a. Monica Di Ferro, Chefökonomin und Leiterin des Instituts, sowie Vincent Courtois, CIO der Amundi-Gruppe. Es war eines dieser Gespräche, bei denen schnell klar wird: Die Schlagzeilen erzählen nur einen Teil der Geschichte – und oft nicht den wichtigsten. Der rote Faden war eindeutig. Obwohl der Konflikt die Nachrichten dominiert, ist für die Märkte etwas anderes entscheidend: nicht der Krieg selbst, sondern was mit der Energie passiert – und wie dauerhaft die Störungen sind.

Genau das sieht man an den Marktreaktionen der letzten Tage. Die Kurse drehen teils innerhalb von Stunden. Erst Stress, dann reicht ein politisches Signal, und die Stimmung kippt. Das wirkt wie Nervosität, ist aber vor allem Unsicherheit. Es gibt Hinweise auf Gespräche, gleichzeitig liegen die Positionen weit auseinander. Investoren versuchen, zwischen Signal und Substanz zu unterscheiden – was aktuell kaum möglich ist.

Auffällig ist dabei, wo sich diese Unsicherheit entlädt: weniger bei Aktien, die sich bislang erstaunlich stabil halten, sondern vor allem im Zinsmarkt. Die Bewegungen am kurzen Ende waren zuletzt so extrem, dass selbst Profis von Übertreibungen sprechen. Courtois formulierte es zugespitzt: Der Markt wirkt stellenweise „lost“. Genau in solchen Phasen entstehen erfahrungsgemäß Chancen.

Der Hintergrund ist der Energieschock – allerdings mit zwei sehr unterschiedlichen Geschichten. Beim Öl sehen wir das bekannte Muster: kurzfristiger Preissprung, dann Anpassung der Lieferströme, schließlich ein neues Gleichgewicht mit Risikoprämie. Ein Niveau um 80 Dollar erscheint plausibel – höher als zuvor, aber kein Schock für die Weltwirtschaft. Beim Gas ist die Lage grundlegend anders. Hier geht es um beschädigte Infrastruktur, deren Wiederaufbau Jahre dauern kann. Das bedeutet: Selbst wenn sich die geopolitische Lage entspannt, bleiben die Preise erhöht. Genau das macht diesen Teil des Schocks strukturell – und für Europa besonders relevant. Was der Markt dabei noch unterschätzt, ist die zweite Runde der Effekte. Die Diskussion fokussiert sich stark auf Inflation, vor allem kurzfristig. Mindestens genauso wichtig ist aber die Belastung für Wachstum und Gewinne. Höhere Energiepreise wandern über Transport, Lieferketten und Lebensmittelpreise durch die gesamte Wirtschaft. Genau das macht die Lage für Zentralbanken so komplex.

Damit sind wir bei einem zentralen Punkt: der Rolle der Europäische Zentralbank

Während der Markt bereits wieder Zinserhöhungen einpreist, klang das, was aus Frankfurt zu hören ist, deutlich vorsichtiger. Die EZB wird sehr genau abwägen, wie stark und wie dauerhaft dieser Schock wirkt. Eine automatische Reaktion erscheint derzeit unwahrscheinlich. Viele Marktteilnehmer denken noch in Mustern von 2022. Doch die Ausgangslage ist heute eine andere: restriktivere Geldpolitik, anfälligere Unternehmen, weniger fiskalischer Spielraum. Genau deshalb wirkt die aktuelle Einpreisung am kurzen Ende der Zinskurve überzogen – und genau dort sehen die Amundi-Strategen Chancen.

Mein Fazit aus dem Gespräch: Die interessantesten Opportunitäten liegen gerade nicht dort, wo alle hinschauen. Während sich alles auf Energiepreise und Geopolitik konzentriert, haben sich im Anleihemarkt Bewertungsniveaus verschoben, die sich fundamental kaum rechtfertigen lassen – insbesondere bei kurzlaufenden europäischen Anleihen.

Wie schaut es bei den Aktien aus?

Nun, auf der Aktienseite ist das Bild weniger dramatisch, als es die Nachrichten vermuten lassen. Viele Märkte sind stabil (vielleicht zu stabil?) , unter der Oberfläche gab es aber deutliche Verschiebungen. Gerade in Schwellenländern wurden Positionen stark reduziert, was inzwischen wieder Chancen eröffnen könnte. Gleichzeitig relativiert sich auch die einfache Gegenüberstellung „USA gegen Europa“: Bewertungsunterschiede sind groß, und Faktoren wie Währung spielen eine wichtige Rolle. Insgesamt zeigt sich ein Markt, der weniger von großen Trends als von Differenzierung geprägt ist. Es geht weniger um Regionen, mehr um die richtigen Sektoren und Unternehmen – etwa in Bereichen wie Verteidigung, Technologie oder strategische Unabhängigkeit.

Unterm Strich bleibt: Trotz aller Unsicherheit ist das Gesamtbild weniger dramatisch, als es oft erscheint. Weder Rezession noch Hyperinflation sind aktuell das Basisszenario. Vielmehr erleben wir eine Phase der Anpassung. Oder anders gesagt: Entscheidend ist im Moment nicht das, was in den Schlagzeilen steht – sondern das, was sich dahinter strukturell verändert.