Ein Gipfeltreffen, zu dem die Gastgeberin nicht erscheint, offene Fragen statt Entscheidungen, und am Ende eine schriftliche Nachbearbeitung, die niemanden verpflichtet. Der sogenannte “Kerosin-Gipfel” im Bundeswirtschaftsministerium vergangene Woche war, so berichten Teilnehmer, kaum mehr als ein erstes Kennenlernen – mitten in einer handfesten Versorgungskrise.

Das ist keine Randnotiz. Es ist ein Symptom.

Die Abhängigkeit war immer da – sie war nur unsichtbar

Deutsche Kraftstoffhändler haben bislang mehr als die Hälfte ihres Kerosins direkt aus der Golfregion importiert. Solange die Straße von Hormus frei befahrbar war, hat das funktioniert. Jetzt ist sie kriegsbedingt gesperrt. Und plötzlich reicht die nationale Rohölreserve – die zwar 1,2 Millionen Tonnen Kerosin enthält – nur noch für 40 Tage Flugbetrieb.

40 Tage: Das ist kein Polster.
Das ist ein Countdown.

Hinzu kommt die russische Ankündigung, die Pipeline „Druschba” ab dem 1. Mai für kasachisches Rohöl zur Raffinerie PCK in Brandenburg zu blockieren. Die Raffinerie, von der der Berliner Flughafen BER fast vollständig abhängt, könnte auf 70 Prozent Auslastung absinken. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) rechnet zwar damit, dass Ersatzlieferungen über die Ölhäfen Rostock und Danzig funktionieren – aber das bleibt eine Hoffnung, keine Gewissheit.

Entscheidend ist: Es handelt sich nicht um ein unvorhersehbares Ereignis. Es handelt sich um das Eintreffen eines seit Jahren bekannten Risikos.

Raffinerien im Max-Jet-Modus – ohne Spielraum

Was viele Anleger nicht auf dem Radar haben: Kerosin lässt sich nicht einfach in größeren Mengen produzieren. Aus einer Tonne Rohöl entstehen im Schnitt nur fünf bis sechs Prozent Flugzeugtreibstoff – ein physikalisch begrenzter Anteil, der im mittleren Temperaturbereich der Destillationstürme anfällt. Frans Everts, Chef der Shell-Raffinerie „Pernis” bei Rotterdam, brachte es vergangene Woche auf den Punkt: Jede Raffinerie in Europa laufe bereits im sogenannten Max-Jet-Modus. Mehr geht nicht.

Und doch fehlen Investoren, die das ändern könnten. Der Anteil klassischer Ölkonzerne an deutschen Raffineriekapazitäten ist auf 28 Prozent gesunken. Shell und BP – die letzten Verbliebenen – wollen ihre Beteiligungen so schnell wie möglich abstoßen. Shell sucht seit Jahren nach Käufern für die Raffinerien PCK und Miro-Karlsruhe. Findet aber keine. BP hat die Raffinerie Gelsenkirchen bereits an den US-Investor Gary Klesch verkauft.

Deutschland hat keinen einzigen nationalen Ölkonzern mehr. Den letzten verlor es vor drei Jahren, als BASF die Wintershall-Gruppe an den britischen Versorger Harbour Energy verkaufte.

Doch genau hier liegt die eigentliche Investorenfrage: Was passiert mit Infrastruktur, für die sich strategisch niemand mehr zuständig fühlt?

Was Anleger daraus lesen sollten

Ich will das nicht zur Katastrophenerzählung aufbauschen. Die Situation ist ernst – aber beherrschbar, zumindest kurzfristig. Der Nationale Sicherheitsrat hält die Lage für „angespannt, aber noch ausreichend versorgt”. Sebastian Ebel, Chef des Reisekonzerns TUI, gab sich in einem TV-Interview auffallend ruhig.

Trotzdem: Diese Krise erzählt etwas über die strukturelle Verwundbarkeit eines Industrielandes, das seine Energieversorgung konsequent in private und ausländische Hände gegeben hat – ohne politische Steuerungsmasse, ohne nationale Förderkapazität.

Was bedeutet das konkret? Für Anleger mit Positionen in Energie, Logistik oder Sachwerten verschiebt sich gerade etwas. Nicht dramatisch, aber real. Infrastrukturnahe Investments – Häfen, Pipelines, Speicherkapazitäten – gewinnen an strategischer Bedeutung, nicht weil sie kurzfristig mehr abwerfen, sondern weil ihre Knappheit sichtbarer wird. Nicht weil eine Krise kommt – sondern weil eine schon da ist, und die Politik gerade dabei ist, ihr Ausmaß zu verstehen.

Die EU-Kommission hat inzwischen angekündigt, Regularien zu lockern, um mehr US-amerikanischen Flugzeugkraftstoff importieren zu können. Auch das wird nicht reichen: Amerikanische Raffinerien arbeiten laut Bericht ebenfalls am Limit. Und es bleibt Frage, wie ein Land wie Deutschland – wirtschaftlich stark, aber versorgungspolitisch erstaunlich ungesichert – mit Krisen umgeht, die nicht aus dem Nichts kommen, sondern aus dem jahrelangen Wegschauen.

Der nächste Gipfel kommt bestimmt. Die Frage ist nur, ob dann jemand im Raum sein wird, der Entscheidungen trifft.