Die EZB-Präsidentin will Europas Ersparnisse den eigenen Zwecken zuführen. Der Satz verdient Widerspruch, allerdings an einer anderen Stelle, als die lautesten Kritiker meinen.
Christine Lagarde hat am Montag in der Wiener Hofburg eine Rede gehalten, die man vollständig lesen sollte, bevor man sich über sie ärgert. Sie beginnt mit der Gründerzeit vor 1873, als Sparer aus Wien, Berlin und London die amerikanischen Eisenbahnen finanzierten, und landet in der Gegenwart. Haushalte im Euroraum halten nach ihren Angaben rund 440 Milliarden Euro in US-Technologiewerten, europäische Haushalte sparen jedes Jahr etwa 1,4 Billionen Euro. Was fehle, seien die Märkte, die dieses Geld sinngemäß „unseren eigenen Zwecken” zuführen. Mehrere Agenturmeldungen machten aus den 1,4 Billionen übrigens einen jährlichen Abfluss ins Ausland. Das steht so nicht in der Rede; die Kommission beziffert den Abfluss auf rund 300 Milliarden im Jahr.
In Teilen der Publizistik wurde daraus binnen Tagen der Griff nach dem Sparbuch. Wir haben im Juni in „Greift Brüssel nach Ihren Ersparnissen? Was die Spar- und Investitionsunion wirklich plant” dargelegt, warum ein Zugriff auf bestehende Guthaben weder vorgesehen noch realistisch ist. Wer mit dem Enteignungsbild arbeitet, macht es der Politik bequem, denn er ist widerlegt, sobald das nächste Konto unangetastet bleibt. Die berechtigte Kritik liegt eine Etage tiefer.
Der Sparer hat schon einen Zweck
Mein Punkt hängt an einem einzigen Wort der Rede: „unsere”. Das Geld auf den Konten der Europäer ist längst verplant. Es soll die Rente aufbessern, das Studium der Kinder bezahlen, eine Immobilie entschulden. Rechenzentren und technologische Unabhängigkeit mögen vernünftige Ziele sein. Es sind Ziele der Politik, und der Sparer ist kein Finanzierungsinstrument der Industriepolitik, auch nicht mit Steuerbonus.
Lagarde räumt selbst ein, Ersparnisse würden immer auf der Suche nach Rendite ins Ausland gehen. Kapital ist in den vergangenen fünfzehn Jahren nach Amerika geflossen, weil es dort besser verdient hat. Wer diesen Strom umkehren will, muss Europa rentabler machen, bei Energiepreisen, Genehmigungsdauern und Regulierungsdichte. Das dauert Legislaturperioden. Leichter ist es, am Sparer anzusetzen.
Gelenkt wird über den Steuerrabatt
Wie das aussieht, steht in der Empfehlung der EU-Kommission vom 30. September 2025 zu Spar- und Investitionskonten. Die Mitgliedstaaten sollen solche Konten steuerlich mindestens so günstig stellen wie das beste vergleichbare Produkt im Land. Eine Pflicht, darin europäische Wertpapiere zu kaufen, gibt es nicht, wohl aber den Auftrag, Investitionen in strategische Prioritäten der EU zu unterstützen. Im begleitenden Arbeitspapier benennt die Kommission offen, worauf sie setzt: den Heimatmarkt-Effekt. In Großbritannien steckt ohne jede Vorgabe rund ein Drittel des Vermögens solcher Konten in britischen Aktien, bei einem großen ungarischen Anbieter fast die Hälfte in ungarischen Werten. Zwang ist also gar nicht nötig. Und wie hart ein Staat die Bedingung fassen kann, zeigt Frankreich: Der Steuervorteil des Aktiensparplans PEA gilt nur für Aktien aus dem Europäischen Wirtschaftsraum.
Ob sich eine solche Bindung rechnet, lässt sich überschlagen. 50.000 Euro, 20 Jahre, Aktienfonds. Weltweit gestreut unterstellen wir 7 Prozent im Jahr in einem normal versteuerten Depot. Nach Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und Teilfreistellung bleiben rund 167.000 Euro. Ein steuerfreies, aber auf Europa beschränktes Konto mit angenommenen 5,5 Prozent kommt auf rund 146.000 Euro. In diesem Modell wirkt die Steuer wie ein Renditeabzug von etwa 0,8 Prozentpunkten im Jahr. Bleibt der gebundene Markt weiter zurück, frisst der Abstand den Rabatt auf. Die Annahmen sind gesetzt, keine Prognose; Europa kann ebenso gut vorne liegen. Nur weiß das niemand, und der Rabatt belohnt eine Wette, die Sie nicht selbst gewählt haben.
Deutschland hat diesen Fehler schon einmal gemacht
Kein Land exportiert so viel Kapital wie Deutschland, und kaum eines legt es so schlecht an. Das ist keine Stammtischthese, sondern das Ergebnis einer Studie von Franziska Hünnekes, Moritz Schularick und Christoph Trebesch, auf die Daniel Stelter seit Jahren hinweist; mit Moritz Schularick hat er darüber schon 2021 in seinem Podcast gesprochen, nachzuhören bei uns unter „Die fatale Sparbuchkultur der Deutschen”. Zwischen 1950 und 2017 lagen die deutschen Auslandsrenditen jährlich 2 bis 5 Prozentpunkte unter denen vergleichbarer Länder. Deutsche Fonds schnitten in allen Sektoren und Zielländern schlechter ab.
Man könnte daraus schließen, das Geld sei im Inland besser aufgehoben. Tatsächlich rentierten deutsche Inlandsanlagen im selben Zeitraum sogar höher. Der aufschlussreichere Befund steht aber weiter hinten: Das Auslandsvermögen bot kaum Schutz, weil seine Erträge eng mit der deutschen Konjunktur schwankten und weil es vor allem in Länder mit ähnlicher Demografie floss. Das Geld ging also überwiegend nicht in die Welt. Es ging in Anleihen und Bankkredite im eigenen Wirtschaftsraum. Den Tiefpunkt markieren die Target2-Forderungen der Bundesbank, zeitweise über eine Billion Euro: Kapital, das per politischer Konstruktion im Euroraum festhängt, ohne Rendite und ohne Fälligkeit.
Genau hier liegt der Kern. Eine Spar- und Investitionsunion, die auf den Heimatmarkt setzt, korrigiert diesen Fehler nicht. Sie wiederholt ihn mit privaten Ersparnissen: derselbe Währungsraum, dieselbe Alterung, derselbe Konjunkturzyklus. Für Sie als Sparer wiegt das doppelt. Arbeitsplatz, gesetzliche Rente und oft das eigene Haus hängen bereits an Deutschland und Europa. Das Depot ist der einzige Baustein, der dieses Klumpenrisiko ausgleichen kann. Wer es per Steuerrabatt ebenfalls nach Europa lenkt, nimmt dem Sparer seine Versicherung.
Fairerweise gehört die Gegenseite dazu. Ein Weltindex besteht heute zu mehr als zwei Dritteln aus US-Aktien, und Lagarde warnt zu Recht vor einer Korrektur im KI-Boom. Wer deshalb bewusst mehr Europa ins Depot nimmt, trifft eine vertretbare Entscheidung, solange er sie selbst trifft. Richtig bleibt auch der Befund aus derselben Podcastfolge: Die Deutschen verdienen und sparen mehr als Italiener oder Spanier und besitzen im Schnitt trotzdem weniger. Mehr Kapitalmarkt ist also die richtige Richtung, und offen gesagt profitieren Plattformen wie unsere davon. Umso klarer ziehen wir die Grenze: Ein Anlagevehikel steuerlich zu fördern, ist legitim. Innerhalb des Vehikels eine Region oder einen politischen Zweck zu prämieren, ist es nicht.
Mein Fazit
Europa verliert Kapital, weil es zu wenig rentable Gelegenheiten bietet. Die Ersparnisse umzuleiten, statt die Gelegenheiten zu verbessern, verwechselt Ursache und Wirkung. Und es ignoriert die teuerste Anlagelektion der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Daraus folgt eine Prüfregel für jedes geförderte Konto der kommenden Jahre: Lesen Sie zuerst die Anlagebedingungen, erst danach die Steuervorteile. Wird Ihnen vorgeschrieben oder nahegelegt, wo Sie investieren sollen, rechnen Sie nach, ob der Rabatt den möglichen Renditeabstand trägt. Und fragen Sie sich, ob Ihr Depot dort liegt, wo Ihr übriges Leben schon liegt.
Wer die Gewichtung zwischen den Weltregionen lieber selbst festlegt, findet auf unseren Plattformen die Instrumente dafür, als Selbstentscheider und ohne politische Vorgabe. Die Entscheidung bleibt bei Ihnen.
Vermögen schützt nur, was nicht am selben Faden hängt wie Ihr Einkommen.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine, journalistische Meinungsäußerung und keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er enthält keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Wertpapiere, Fonds oder Regionen. Die Modellrechnung beruht auf frei gewählten Renditeannahmen, vereinfacht die Besteuerung (ohne Sparerpauschbetrag, Kirchensteuer und Vorabpauschale) und ist keine Prognose. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Kapitalmarktanlagen bergen Kursrisiken bis hin zum Verlust des eingesetzten Kapitals. Angebote auf unseren Plattformen erfolgen als beratungsfreies Geschäft (Execution-Only); die Anlageentscheidung treffen Sie eigenverantwortlich. Rechtsstand: September 2026.











