Am Samstag hat Zero Hedge einen Beitrag von „Quoth the Raven” verbreitet, der ein Gedankenspiel durchrechnet: Finanzminister Scott Bessent könnte die US-Staatsschulden tilgen, wenn er das amerikanische Gold vorher auf rund

155.000 Dollar je Unze

hochschreiben ließe. Die Zahl ist bewusst absurd gewählt, der Autor sagt das selbst. Trotzdem wird sie in den kommenden Wochen durch die Newsletter wandern, und irgendwann fragt ein Mandant danach. Die Antwort führt weg vom Gold und hin zur Währung. Und sie führt nach Bonn, ins Jahr 1997.

Die Mechanik ist echt, die Zahl ist es nicht

Das Fundament stimmt. Die Vereinigten Staaten besitzen 261,5 Millionen Feinunzen Gold, rund 8.133 Tonnen, den größten Staatsbestand der Welt. In den Büchern steht er zu 42,2222 Dollar je Unze, ein Preis, den der Kongress 1973 festgeschrieben hat. Bilanzwert: etwa 11 Milliarden Dollar. Marktwert bei zuletzt rund 4.390 Dollar: etwa 1,15 Billionen. Über den Gold Reserve Act von 1934 kann das Treasury Goldzertifikate an die Fed ausgeben und sich den Gegenwert gutschreiben lassen.

Dass dabei 42,22 Dollar gelten, ist keine liebgewonnene Gewohnheit, sondern geltendes Recht. Paragraf 5117(b) des US-Bundesrechts begrenzt die ausstehenden Goldzertifikate ausdrücklich auf den Gegenwert zu diesem Preis. Ohne den Kongress geht hier nichts, auch nicht mit einem Federstrich am Morgen.

Die Rechnung des Autors geht auf: 155.000 Dollar mal 261,5 Millionen Unzen ergibt gut 40 Billionen und damit ungefähr den Schuldenstand, der am 11. September bei 40,046 Billionen Dollar lag. Nur ist davon rund ein Fünftel gar nicht ablösbar, weil es sich um Verbindlichkeiten des Staates gegenüber eigenen Treuhandfonds handelt. Am Markt liegen 32,4 Billionen. Und das Treasury General Account, aus dem laut Ausgangsthese gezahlt werden soll, ist ein Girokonto mit zuletzt rund 800 bis 900 Milliarden Dollar, kein Kriegsschatz.

Die Größenordnung erledigt den Rest. In der Fed-Bilanz stehen heute jene 11 Milliarden Dollar Goldzertifikate, daneben rund 4,5 Billionen an US-Staatsanleihen, insgesamt gut sechs Billionen Bilanzsumme. Ein Goldzertifikat über 40 Billionen wäre also etwa das Sechsfache der gesamten amerikanischen Notenbankbilanz. Das ist keine Bewertungsfrage mehr, das wäre eine andere Geldordnung.

Ökonomisch bleibt der Kern, den der Autor selbst benennt: Eine Höherbewertung schafft Finanzierungsspielraum, kein Vermögen. Fabriken, Kraftwerke und Rechenzentren vermehren sich nicht dadurch, dass man dem gleichen Metall eine größere Zahl zuweist. Wer verzinste Staatsanleihen zurückkauft, lässt die Papiere verschwinden, aber nicht ihre Eigentümer. Die werden ausgezahlt. Aus einer zinstragenden Schuld wird Geld, und die Last wandert in Inflation, Zins und Kaufkraft.

Waigel wollte genau das, und Tietmeyer ließ ihn auflaufen

In Deutschland ist dieser Film schon gelaufen. Im Frühjahr 1997 fehlten Theo Waigel rund zehn Milliarden Mark, um das Maastricht-Kriterium für den Euro-Start zu erfüllen. Die Bundesbank hielt damals 95 Millionen Feinunzen Gold, bilanziert zu 144 Mark, am Markt fast 600 Mark wert. Diese Differenz wollte Waigel heben, notfalls über eine Eilnovelle des Bundesbankgesetzes.

Hans Tietmeyer und der Zentralbankrat stellten sich öffentlich quer. Zu einer dauerhaften Besserung der öffentlichen Finanzen könne das nur wenig beitragen, hieß es in der Erklärung vom 28. Mai 1997, und die Unabhängigkeit der Notenbank stehe auf dem Spiel. Tietmeyers Argument war nicht buchhalterisch: Die Mark beruhe nicht auf nationalen Ressourcen, sondern allein auf Glaubwürdigkeit. Am Ende bekam Waigel für 1997 nichts.

Neu bewertet ist längst, geändert hat es nichts

Der interessante Teil kommt danach. Im Eurosystem wird Gold seit 1999 vierteljährlich zu Marktpreisen bewertet. Die stillen Reserven stehen offen in der Bilanz, im „Ausgleichsposten aus Neubewertung”, und genau dort bleiben sie. Die Bundesbank hält 3.350 Tonnen, zum Jahresende 2025 waren sie 395,2 Milliarden Euro wert, rund 125 Milliarden mehr als ein Jahr zuvor.

Im selben Geschäftsbericht steht ein Verlust von 8,6 Milliarden Euro, und der Bund geht im sechsten Jahr in Folge ohne Gewinnabführung aus. Deutschland hat den Schritt, über den Amerika spekuliert, vor einem Vierteljahrhundert vollzogen. Der Haushalt hat davon keinen Cent gesehen. Dass die Börsen-Zeitung inzwischen wieder „begehrliche Blicke auf den Goldspeicher der Bundesbank” beschreibt, schließt den Kreis zu 1997.

Zur ehrlichen Gegenseite gehört die Unterscheidung, die in der Aufregung untergeht. Eine Bewertung zum tatsächlichen Marktpreis bringt den Amerikanern gut eine Billion Dollar zusätzlichen Buchwert. Das ist seriös diskutabel, die Fed hat es im August 2025 in einem Papier von Colin Weiss an fünf realen Fällen untersucht, darunter Deutschland, Italien und Südafrika, und kommt zu einem nüchternen Befund: Es wirkt einmalig, nicht strukturell, und entspräche für die USA etwa drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Ein politisch gesetzter Preis von 155.000 Dollar dagegen liegt beim 35-Fachen des Weltmarktpreises. Die zusätzlichen 39 Billionen entstünden nicht, weil jemand einen übersehenen Vermögenswert entdeckt hätte. Bessent selbst hat auf die direkte Frage nach einer Goldneubewertung geantwortet, das sei nicht seine Absicht.

Was daraus für Ihr Depot folgt

Vier Dinge, konkret:

Erstens: Legen Sie Ihre Goldquote als Zahl fest, nicht als Gefühl. Für die meisten Depots halte ich fünf bis zehn Prozent für richtig. Bei 250.000 Euro Anlagevermögen sind acht Prozent genau 20.000 Euro. Wer Ray Dalios zehn bis fünfzehn Prozent übernimmt, muss aushalten, dass diese Position in einem guten Aktienjahr sichtbar bremst.

Zweitens: Kaufen Sie nicht auf die Schlagzeile. Gold hat in zwölf Monaten kräftig zugelegt und notiert nach einem Hoch nahe 4.900 Dollar im Frühjahr wieder darunter. Wer jetzt in einer Summe einsteigt, kauft die Angst mit. Drei bis vier Tranchen über sechs bis zwölf Monate nehmen dem Zeitpunkt seine Bedeutung.

Drittens: Definieren Sie die Verkaufsregel beim Kauf. Ein relatives Band von plus/minus 20 Prozent um die Zielquote reicht: Bei 20.000 Euro Zielposition wird ab 24.000 Euro abgeschmolzen und ab 16.000 Euro aufgefüllt. Diese Regel ist der Mechanismus, mit dem Sie von einer Neubewertungsfantasie tatsächlich profitieren würden. Ohne sie wird aus einem Portfoliobaustein eine Wette, die niemand jemals glattstellt.

Viertens: Trennen Sie die Kanäle. Ein physisch verwahrter Teil über vielleicht über unseren Partner in diesem Bereich (login erforderlich), ein depotfähiger Teil im Wertpapierdepot. Das hat auch steuerliche Gründe, die sich je nach Produktkonstruktion unterscheiden und die Sie vor dem Kauf mit Ihrem Steuerberater klären sollten, nicht danach.

Und was Sie lassen sollten: die Anleihenquote wegen dieser These leerräumen, in Minenaktien als vermeintlichen Hebel ausweichen ohne sich auszukennen oder auf ein Datum spekulieren, das niemand kennt. Falls Washington eines Tages wirklich einen dreistelligen Vielfachen-Preis in die Bücher schreibt, wird die entscheidende Frage nicht lauten, ob Sie rechtzeitig aufgestockt haben. Sie wird lauten, ob Sie überhaupt eine Position hatten.

Der Preis, den ein Staat seinem Gold gibt, sagt mehr über seine Währung als über das Metall.

IHr Depot braucht deshalb keine Prognose, sondern eine Quote.

 

 


Dieser Beitrag ist eine allgemeine Einordnung und ersetzt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er enthält kein Renditeversprechen. Gold unterliegt erheblichen Kursschwankungen; Modellbeträge dienen allein der Veranschaulichung. Kurs-, Schulden- und Bilanzangaben mit Stand Mitte September 2026. Die Entscheidung über Höhe und Zeitpunkt bleibt bei Ihnen; die Begleitung durch Money-Coaching erfolgt honorarbasiert und ohne Vertriebsprovisionen.

Quellen: QTR’s Fringe Finance via Zero Hedge, 19.9.2026; 31 U.S.C. §5117(b); US-Schuldenstand „Debt to the Penny”, US-Treasury; Fed-Wochenausweis H.4.1; Colin R. Weiss, „Official Reserve Revaluations: The International Experience”, FEDS Notes, Federal Reserve Board, 1.8.2025; Bessent-Interview Fox News, 15.7.2026, zusammengefasst bei Fortune; zum Streit 1997 taz vom 29.5. und 4.6.1997 sowie Tagesspiegel vom 3.6.1997; Bundesbank-Geschäftsbericht 2025.