Lange wirkte Diversifikation wie ein gelöstes Problem. Ein breiter Aktienanteil, dazu solide Anleihen, etwas Liquidität – fertig war das robuste Vermögen.

Doch diese Ruhe war vielleicht trügerischer, als viele Anleger wahrhaben wollten. Die BlackRock-Studie „Diversifizierung in einer stärker fragmentierten Welt“ beschreibt eine Welt, in der Rohstoffe, Energie, Gold und reale Vermögenswerte wieder stärker ins Zentrum rücken. Nicht als Modethema. Sondern als Reaktion auf eine veränderte Ordnung.

60 % Aktien / 40 % Festverzinsliche schützt weniger als früher

Die wichtigste Botschaft der Studie ist keine Rohstoffempfehlung. Sie ist grundsätzlicher. BlackRock verweist darauf, dass Aktien und Anleihen in den vergangenen Jahren stärker miteinander korrelierten. Damit verliert das klassische 60/40-Portfolio einen Teil seiner alten Schutzfunktion.

Für vermögende Privatanleger ist das unangenehm, aber wichtig. Wer 20.000 Euro, 200.000 Euro oder über 1,0 Millionen Euro investierbares Vermögen strukturiert, kann sich nicht allein darauf verlassen, dass Anleihen in der nächsten Krise automatisch gegen Aktienverluste arbeiten.

Entscheidend ist deshalb nicht, die alte Welt über Bord zu werfen. Entscheidend ist, sie nüchterner zu betrachten. Anleihen bleiben wichtig. Aktien bleiben zentral. Aber Diversifikation muss breiter gedacht werden: über liquide Wertpapiere hinaus, über Währungsräume hinaus, über nominale Forderungen hinaus.

Rohstoffe sind mehr als ein Krisenthema

BlackRock nennt drei klassische Funktionen von Rohstoffen und Rohstoffaktien: Diversifikation, Inflationsschutz und Renditepotenzial. Diese Rollen sind nicht neu. Neu ist der Kontext.

Geopolitische Fragmentierung, Protektionismus, Rückverlagerung von Lieferketten, höhere Verteidigungsausgaben und wachsende Energiesicherheitspolitik verändern die Kapitalmärkte. Staaten behandeln Rohstoffe wieder stärker als strategische Güter. Seltene Erden, Kupfer, Energie, Gold – vieles wird politischer.

Was bedeutet das konkret? Für Anleger in klassische aktive Investmentfonds und ETFs heißt es zunächst: Rohstoffe können ein Baustein sein, aber kein Ersatz für ein Portfolio. Breite Rohstoff-ETFs, Gold-ETCs oder Fonds mit Rohstoffaktien können helfen, Abhängigkeiten zu reduzieren. Sie bringen aber eigene Risiken mit: Rollverluste, hohe Schwankungen, politische Eingriffe, operative Risiken bei Minen- und Energiekonzernen.

Und doch liegt gerade darin der Wert der Einordnung. Rohstoffe sind nicht automatisch „sicher“. Sie reagieren anders. Das kann in einem Portfolio wertvoll sein.

Gold bleibt ein Währungsargument

Ein besonders interessanter Teil der Studie betrifft Gold. BlackRock weist darauf hin, dass Gold in Krisen nicht immer sofort steigt. Häufig kommt es zunächst zu einer Flucht in Liquidität. Anleger verkaufen, was zuvor gut gelaufen ist. Auch Gold kann dann fallen.

Das ist für viele Privatanleger schwer auszuhalten. Gold wird oft als Versicherung verstanden. Eine Versicherung, die in der ersten Stressphase ebenfalls schwankt, irritiert.

Doch genau hier liegt der Unterschied zwischen Erwartung und Funktion. Gold ist kein Tagesgeld mit Glanz. Es ist ein realer, nicht beliebig vermehrbarer Vermögenswert ohne laufenden Ertrag. Seine Rolle liegt eher in der langfristigen Absicherung gegen Vertrauensverlust in Papiergeld, geopolitische Brüche und extreme geldpolitische Szenarien.

Die Studie verweist zudem auf Zentralbanken als strukturelle Käufer. Auch der World Gold Council berichtet seit Jahren von einer erhöhten Goldnachfrage durch Notenbanken, insbesondere nach 2022. Das ist kein Garant für steigende Preise. Aber es zeigt, dass Gold im internationalen Währungssystem wieder strategischer betrachtet wird.

KI braucht Strom, Kupfer und Beton

Ein zweiter großer Strang der Studie ist der sogenannte HALO-Gedanke: „Heavy Assets, Low Obsolescence“. Gemeint sind reale Vermögenswerte, die schwer zu ersetzen sind und nicht einfach durch künstliche Intelligenz verdrängt werden.

Das klingt abstrakt. Gemeint sind Stromnetze, Energieinfrastruktur, Bergbau, Transport, Rechenzentren, Speicher, Flächen, Pipelines, Häfen und andere physische Engpässe. Die Internationale Energieagentur hat im April 2025 in ihrem Bericht zu Energie und KI auf den wachsenden Strombedarf durch Rechenzentren hingewiesen; BlackRock greift genau diesen Zusammenhang auf.

Nicht weil KI automatisch alle Rohstoffpreise nach oben treibt. Sondern weil Digitalisierung materieller ist, als sie wirkt. Jeder Server braucht Strom. Jedes Rechenzentrum braucht Kühlung. Jede Netzerweiterung braucht Kupfer, Stahl, Genehmigungen, Kapital und Zeit.

Für Anleger bedeutet das: Der Blick auf Technologieaktien allein kann zu eng sein. Wer vom strukturellen Wandel profitieren will, sollte auch prüfen, wer die physische Grundlage dieser Entwicklung bereitstellt.

ELTIFs öffnen eine neue Tür – aber nicht ohne Preis

Seit ELTIF 2.0 sind European Long-Term Investment Funds für Privatanleger deutlich relevanter geworden. Die Reform erleichtert den Zugang zu langfristigen Anlagen wie Infrastruktur, Private Equity, Private Debt und realen Vermögenswerten; auch semiliquide und Evergreen-Strukturen sind stärker in den Vordergrund gerückt. ESMA und EU-Kommission haben dazu technische Standards und Vorgaben zu Rückgaben, Liquiditätsmanagement und Fair Treatment der Anleger konkretisiert.

Für vermögende Privatanleger ist das eine echte Veränderung. Früher waren viele Private-Market-Strategien institutionellen Anlegern vorbehalten. Heute werden sie zunehmend auch in Privatkundenportfolios eingebaut.

Aber: Illiquidität ist kein Qualitätsmerkmal. Sie ist ein Preis. Ein ELTIF kann sinnvoll sein, wenn er Zugang zu Anlagen bietet, die im liquiden UCITS-Mantel nicht sauber abbildbar sind. Infrastruktur, private Kredite oder bestimmte Real-Asset-Strategien können dazu gehören. Problematisch wird es, wenn der ELTIF nur als modernes Etikett für hohe Gebühren, schwer verständliche Bewertungen und eingeschränkte Rückgabemöglichkeiten dient.

Entscheidend ist deshalb die Frage, was der Anleger wirklich bekommt: reale Vermögenswerte, nachvollziehbare Cashflows, angemessene Kosten, robuste Bewertungspraxis und eine Liquiditätsstruktur, die zu seinem Vermögen passt.

Das Portfolio wird wieder physischer

Die europäische ETF-Branche wächst weiter stark; ETFGI berichtete für Ende 2025 von einem Rekordvolumen europäischer ETFs und ETPs von rund 3,22 Billionen US-Dollar. Das zeigt, wie dominant liquide, transparente und kostengünstige Bausteine geworden sind. Daran ist wenig auszusetzen.

Aber die neue Marktphase stellt eine ergänzende Frage: Reicht Liquidität allein? Oder braucht ein robustes Vermögen künftig auch mehr Bezug zur realen Welt?

Meine Einschätzung: Für viele vermögende Privatanleger wird die Antwort nicht entweder UCITS/ETF oder ELTIF lauten. Sondern beides – mit klaren Rollen. UCITS-Fonds und ETFs bleiben das liquide Rückgrat. ELTIFs können eine illiquide Beimischung sein, sofern sie wirklich Zugang zu langfristigen realen Erträgen bieten. Rohstoffe und Gold können als Satelliten dienen, nicht als Weltanschauung.

Die eigentliche Aufgabe besteht darin, das Portfolio nicht nur nach Produkten zu sortieren. Sondern nach Funktionen: Wachstum, Stabilität, Liquidität, Inflationsschutz, Realwertbezug und Krisenresilienz.

Viele Anleger werden in den kommenden Jahren feststellen, dass Diversifikation wieder anspruchsvoller geworden ist. Vielleicht ist genau das die nüchterne Lehre dieser Studie:

Vermögen bleibt nur dann robust, wenn es nicht ausschließlich auf die Stabilität der alten Ordnung angewiesen ist.