Vergangene Woche saß ich einen Nachmittag lang in einer Fachveranstaltung zu einem neuen Batteriespeicher-Projekt. Vorgetragen hatte u.a. Amir Roughani, CEO des Münchner Projektentwicklers Vispiron, über „Vispirons Weg zum Batteriespeicher”, zum Schluss ordnete Prof. Dr. Benjamin Reuter von der Hochschule für Technik Stuttgart das Ganze wissenschaftlich ein. Mehrere Redner, unterschiedliche Perspektiven, und das ist der eigentliche Ertrag des Tages: vier ganz verschiedene Antworten auf die Frage, wozu so ein Speicher eigentlich gut ist.

Dieselbe Batterie stiftet nämlich auf mehreren Ebenen einen Nutzen: Sie hilft dem Stromsystem, sie stärkt die Unabhängigkeit des Landes, sie verlangt ein Betreiberkönnen, das über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, und sie soll dem Anleger eine Rendite bringen. Diese vier Interessen laufen aber nicht immer komplett gleich. Genau dort, wo sie auseinanderlaufen, wird es für den Investor interessant.
Nehmen wir daher diese vier Ebenen der Reihe nach auseinander.
(1) Die volkswirtschaftliche Rechnung: Der Speicher senkt den Preis, von dem er lebt
Prof. Reuter begann mit einem entwaffnenden Satz: „Professoren wissen viel, aber nicht alles.” Danach erklärte er, wie der Börsenstrompreis überhaupt entsteht. Alle Kraftwerke geben Gebote ab, sortiert vom günstigsten zum teuersten, und das letzte, das noch gebraucht wird, um die Nachfrage zu decken, setzt den Preis für alle. Solange abends noch ein Gaskraftwerk laufen muss, bestimmt dessen hoher Preis den Markt. In Deutschland ist das in vier von zehn Stunden der Fall.
Kommt viel Sonne und Wind ins Netz, schiebt sich diese Angebotskurve nach rechts, die teuren Kraftwerke fallen heraus, der Preis sinkt, mittags bis unter null. Rund 570 Stunden mit negativem Strompreis zählte Deutschland im vergangenen Jahr. Volkswirtschaftlich ist das ein Signal für verschenkten Strom, für den niemand eine Verwendung hat. Und hier kommt der Speicher ins Spiel: Er nimmt die Mittagsschwemme auf und gibt sie abends ab. Damit hebt er den Marktwert jeder Solaranlage, er verdrängt teure Gasstunden aus dem Markt, und er verbessert die Bilanz an der Grenze, weil weniger Strom zu Tiefstpreisen ins Ausland abfließt. Eine der Studien, die Reuter zeigte, beziffert den derzeit sinnvollen Umfang auf rund 20 Gigawatt Speicherleistung für das heutige System. Jede weitere Erzeugung aus Erneuerbaren verschiebt diesen Bedarf nach oben.
So weit die gute Nachricht. Sie hat eine unbequeme Kehrseite, und die ist für Anleger die eigentlich wichtige. Der Speicher verdient sein Geld an der Spanne zwischen billig und teuer. Genau diese Spanne baut er ab, wenn er seine volkswirtschaftliche Aufgabe erfüllt. Privater Ertrag und öffentlicher Nutzen laufen also nur eine Weile parallel. Reuter widersprach zwar der modischen These, die Volatilität sei bereits am Ende: 2026 gab es zwar weniger Negativstunden, aber die Preisspannen waren so hoch wie nie in dreieinhalb Jahren, getrieben von einem allgemein höheren Preisniveau. Kurzfristig ist der Business Case also intakt. Auf lange Sicht aber gilt: Je mehr Speicher gebaut werden, desto flacher wird die Kurve, von der sie leben.
(2) Die Resilienz-Rechnung: Strom, den keine Rakete trifft
Amir Roughani näherte sich dem Thema von einer ganz anderen Seite. Er kam 1987 als Elfjähriger allein aus dem Iran nach Berlin, mitten im Krieg, und seine These lautet: Kriege folgen den Energiequellen. Energie sei deshalb nicht bloß eine Kostenfrage, sondern die eigentliche Ressource des Jahrhunderts, weil an ihr die Souveränität eines Landes hängt.
Sein stärkstes Bild lieferte die Ukraine. Ein großer Versorger habe in einer einzigen Nacht rund neun Gigawatt Leistung verloren, weil zentrale Kraftwerke gut zu treffen sind. Um dieselbe Leistung aus Windrädern auszuschalten, brauche es ein Vielfaches an Raketen. Während die großen Anlagen zerstört wurden, boomten dezentrale Solar- und Speicheranlagen, gerade weil sie verteilt und schwer auszuschalten sind. Dezentrale Energie, so das Argument, ist widerstandsfähige Energie. Das verschiebt die Debatte weg vom Klimaschutz, der immer als zu teuer gescholten wird, hin zur Unabhängigkeit, die plötzlich einen handfesten Wert bekommt.
Das ist denke ich ein bedenkenswerter Gedanke, und man sollte ihn ernst nehmen. Man muss ihn aber auch als das kennzeichnen, was er ist: die Sicht eines Unternehmers, der Speicher baut. Drei Einwände gehören daneben. Erstens stammen die Batteriezellen fast ausnahmslos aus China, was die Abhängigkeit eher verschiebt statt sie aufzulösen, wie die Branche selbst einräumt. Zweitens überbrückt ein Batteriespeicher Sekunden bis Stunden, nicht die zwei Wochen einer winterlichen Dunkelflaute. Auch das sagte Reuter deutlich. Und drittens, für den Anleger am wichtigsten: Resilienz ist ein Gemeingut. Sie nützt dem Land, nicht dem Kupon. Souveränität schüttet nicht aus. Wer einen Speicherfonds zeichnet, weil ihn das Argument der Unabhängigkeit überzeugt, kauft ein gutes Gefühl mit, aber keine zusätzliche Rendite.
(3) Die Betreiber-Rechnung: Zwei Ferraris, ein Fahrer
Roughanis für mich nützlichstes Bild war ein anderes. Man könne als Rennstall zwei identische Ferraris vorhalten, sagte er, aber trotzdem entscheide am Ende der Fahrer, welcher Wagen quasi mit aufs Podium kommt. Beim Speicher ist es genauso. Die Hardware steht in Containern und ist überall ähnlich. Den Unterschied macht, wer die Batterie vermarktet. Die Firma Vispiron bündelt alle ihre Anlagen “under Management” in einem virtuellen Kraftwerk, bildet jede als digitalen Zwilling ab und entscheidet stündlich neu, welcher Teil der Flotte in welchen Markt geht: in den kurzfristigen Handel, in die Regelenergie, in feste Verpachtung. Diese Multi-Use-Strategie ist die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn eine Erlösquelle einmal versiegt.
Für den Anleger ist das der entscheidende Punkt hinter der Renditezahl. Der Ertrag steckt nicht im Blech, er entsteht im Betrieb, und zwar innerhalb der Garantiegrenzen der Hersteller, die nur eine bestimmte Zahl an Ladezyklen erlauben. Gut fahren heißt hier: viel herausholen und die Batterie zugleich schonen. Dazu kommen Erlösquellen, die es vor Kurzem noch gar nicht gab. Weil die großen thermischen Kraftwerke mit ihren schweren, sich drehenden Massen aus dem Netz gehen, fehlt dem System zunehmend die Trägheit, die es stabil hält. Batterien können sie liefern, und seit Januar 2026 wird diese Momentanreserve vergütet. Ab etwa 2032 soll zudem ein Kapazitätsmarkt entstehen, der allein für die Bereitschaft zahlt, Leistung vorzuhalten. Und der Kohleausstieg bis 2038 dürfte die Preisspitzen eher anheben.
Auch hier gehört die Gegenseite dazu. Diese neuen Märkte sind jung und regulatorisch noch offen, niemand kennt die Preise von übermorgen. Und was heute knapp und gut bezahlt ist, wird mit jedem zugebauten Speicher etwas weniger wert. Betreiberkönnen ist eine Chance, keine Garantie.
(4) Die Anleger-Rechnung: Was am Ende übrig bleibt
Erst an dieser Stelle stellte Dr. Dominik Schall, Geschäftsführer Energie und Infrastruktur der BVT Gruppe, den Fonds vor. Für den kleineren Anleger löst er ein echtes Problem. Einen Großspeicher kann man nicht mit 20.000 Euro kaufen. Der Fonds verschafft ab 10.000 Euro überhaupt erst Zugang zu einer Anlageklasse, die bislang institutionellen Investoren vorbehalten war, und er verteilt das Kapital über mehrere Projekte und Erlösmodelle.
Die ehrliche Zahl ist trotzdem die, die beim Anleger ankommt. Im mittleren Szenario prognostiziert der Fonds rund 6,5 Prozent Rendite IRR pro Jahr vor Steuern. Eine zehnjährige Bundesanleihe rentiert derzeit bei etwa 3,5 Prozent. Für die gut drei Prozentpunkte Aufschlag übernimmt der Anleger acht bis neun Jahre Bindung, ein noch unbestücktes Blind-Pool-Portfolio, Technologie-, Vermarktungs-, Finanzierungs- und Ausstiegsrisiko. Der Fonds trägt die Risikoklasse sechs von sieben, ein Totalverlust ist möglich. Um fair zu sein: ein “Upside” ist natürlich auch möglich und darf hier nicht verschwiegen werden: Dem optimistischen Szenario liegt die Annahme zugrunde, dass z.B. die Markterlöse für Batteriespeicher um 10 %, die PV-Erträge um 2 % und die Ladeinfrastrukturnachfrage um etwa 10 % höher sowie verschiedene Betriebskostenpositionen leicht niedriger liegen als in der Basiserwartung. So wären auch Rückflüsse von fast 180 % vor Steuern über die Laufzeit möglich.
Die zugrunde liegenden Speicherprojekte werden dabei mit niedrigen bis mittleren zweistelligen Renditen kalkuliert. Wohin die Differenz zwischen Projekt und Anleger verschwindet, in Kosten und in die bewusste Risikoreduktion durch feste Verpachtung, werden wir in einem noch folgenden Beitrag auseinandernehmen.
Für vermögende Privatkunden mit größeren Investitionsbeträgen lohnt deshalb die Frage, ob sie die vergleichsweise teure Verpackung eines Publikumsfonds überhaupt brauchen oder ob der direkte Weg zum Projekt für sie offensteht. Für alle anderen bleibt der Fonds ein sinnvoller Zugang, aber als Beimischung, nie als Fundament. Die Entscheidung darüber trifft ohnehin jeder für sich.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine Einordnung einer besuchten Fachveranstaltung und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung sowie keine Empfehlung zum Erwerb dar. Genannte Unternehmen und Produkte werden zur Einordnung des Marktgeschehens erwähnt. Prognosen und frühere Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft; Kapitalanlagen bergen Verlustrisiken bis zum Totalverlust. Die Anlageentscheidung bleibt bei Ihnen.











