Im ersten Teil dieser Reihe ging es um das große Bild: Ein Stromsystem, das immer stärker vom Wetter getrieben wird, produziert immer größere Preisunterschiede zwischen billigen und teuren Stunden. Ein Batteriespeicher lebt von genau diesen Unterschieden. Soweit die These. Jetzt wird es konkret: Wie verdient so ein Speicher eigentlich sein Geld – und wie verlässlich sind diese Einnahmen wirklich?
Die ehrliche Antwort lautet: Ein moderner Großspeicher hat nicht eine Einnahmequelle, sondern mehrere. Und genau diese Mischung entscheidet darüber, ob aus einer netten Idee ein tragfähiges Investment wird.
Vier Wege, an einer Batterie zu verdienen
Der bekannteste ist die Arbitrage: günstig laden, teuer einspeisen. Der Speicher kauft Strom an der Börse, wenn er im Überfluss da und damit billig ist, und verkauft ihn Stunden später, wenn er knapp und teuer ist – im Day-Ahead- wie im Intraday-Handel. Je größer die täglichen Preisschwankungen, desto größer die Spanne, die hier verdient werden kann.
Der zweite Weg sind Systemdienstleistungen, allen voran die Regelenergie. Das Netz muss in jeder Sekunde exakt im Gleichgewicht gehalten werden; Batterien können blitzschnell Leistung aufnehmen oder abgeben und werden dafür vergütet. Diese Erlöse sind oft planbarer als die reine Arbitrage, schwanken aber ebenfalls mit Angebot und Nachfrage.
Der dritte Weg ist die Vermarktung über längerfristige Verträge – etwa indem ein Speicher seine Kapazität gegen eine feste Vergütung bereitstellt (Tolling). Das senkt die Erlöse in guten Zeiten, schafft aber Planbarkeit. Viele professionelle Betreiber fahren bewusst eine Mischung aus solchen abgesicherten Verträgen und freier Marktvermarktung, um Ertrag und Stabilität auszubalancieren.
Der vierte Weg ist die Kopplung mit Erzeugung – Co-Location. Steht der Speicher direkt neben einem Wind- oder Solarpark, kann er dessen Strom zeitlich verschieben und damit aufwerten: Statt den Mittagsstrom zum Schleuderpreis einzuspeisen, wird er gespeichert und am Abend teurer verkauft. Solche kombinierten Anlagen werfen tendenziell etwas weniger ab als ein freistehender Speicher, der alle Marktchancen nutzt – dafür sind ihre Einnahmen breiter abgestützt.
Grob lässt sich sagen: Ein freistehender Speicher („Standalone”), der alle Märkte bespielt, kann zweistellige Renditen erreichen, trägt aber auch das volle Marktrisiko. Eine an Erzeugung gekoppelte Anlage liegt meist im einstelligen Bereich, dafür ruhiger. Die Kunst liegt in der Mischung – und in der Software, die Sekunde für Sekunde entscheidet, auf welchem Markt der Strom gerade am meisten wert ist.
Die unbequeme Frage: Verschwindet die Marge, wenn alle es tun?
Hier kommt der Einwand, den ein ehrlicher Beitrag nicht überspringen darf. Wenn Batteriespeicher daran verdienen, Preisunterschiede auszugleichen – zerstören sie dann nicht genau die Grundlage ihres Geschäfts, sobald genug von ihnen am Markt sind? Je mehr Speicher die Täler füllen und die Spitzen kappen, desto kleiner müssten die Spannen werden, von denen sie leben.
Der Gedanke ist richtig – und trotzdem ist die Praxis bisher eine andere. Schon 2018 prognostizierte ein Beratungshaus, weitere 100 Megawatt Speicher im Markt für Primärregelleistung würden die Preise gegen null drücken. Tatsächlich kamen über 1.200 Megawatt hinzu – und die Erlöse blieben über die Jahre auf erhöhtem, wenn auch schwankendem Niveau. Die erwartete Sättigung kam deutlich langsamer als gedacht.
Der Grund ist, dass die Volatilität schneller wächst als die Speicher sie glätten können. Solange weiter Wind- und Solarleistung zugebaut wird und konventionelle Kraftwerke vom Netz gehen, entstehen neue Schwankungen schneller, als die vorhandenen Speicher sie auffangen. Universitäre Energieökonomen und Simulationen für das Jahr 2035 kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die Preisvolatilität weiter zunimmt. Und Marktanalysen aus jüngster Zeit halten fest, dass selbst ein kräftiger Speicherausbau den Arbitrage-Geschäftscase auf absehbare Zeit nicht auslöscht – signifikante Preisspreads bleiben bestehen.
Das ist keine Garantie, und so sollte man es auch nicht lesen. Es ist eine Beobachtung mit Substanz: Der Markt, an dem Speicher verdienen, schrumpft nicht, er wächst – noch.
Was das für die Bewertung bedeutet
Für den Anleger folgt daraus eine wichtige Unterscheidung. Die Erlöse eines Speichers sind nicht garantiert wie ein Mietvertrag und nicht festverzinst wie eine Anleihe. Sie sind unternehmerisch: Sie hängen von Strompreisen, von der Vermarktungsstrategie, von der Technik und vom Wettbewerb ab. Ein gutes Projekt zeichnet sich deshalb weniger durch eine besonders hohe versprochene Rendite aus als durch die Robustheit seiner Annahmen – durch einen gesicherten Netzanschluss, eine durchdachte Mischung der Erlösquellen und realistische Kalkulationen bei Lebensdauer und Wartung. Die Zellen eines intensiv gefahrenen Speichers altern; ein seriöser Geschäftsplan berücksichtigt ihren Austausch von vornherein.
Wer dem Thema also näherkommt, sollte die Frage nicht stellen als „Wie viel Rendite verspricht man mir?”, sondern als „Wie verlässlich ist die Geschichte hinter dieser Rendite?”. Das ist ein Unterschied ums Ganze.
Womit sich die nächste Frage aufdrängt – und sie ist mindestens so wichtig wie die Technik: Auf welchem Weg kommt ein Privatanleger überhaupt an diesen Markt? Vom eigenen Speichercontainer auf gepachteter Fläche bis zur Beteiligung an einem professionell gemanagten Portfolio gibt es sehr unterschiedliche Türen – mit sehr unterschiedlichen Anforderungen an Kapital, Nerven und Liquidität. Genau die sehen wir uns als Nächstes an.












