Wer derzeit die Finanzpresse verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, eine einzige Anlageklasse trage den Boom der privaten Märkte: Private Debt. Innerhalb weniger Jahre ist die Kreditvergabe durch Fonds vom Nischenthema zum meistbeworbenen Segment der alternativen Welt aufgestiegen. Das aktuelle Fact Book des europäischen Fondsverbands EFAMA setzt diesem Bild nüchterne Zahlen entgegen — und verschiebt den Blick. Wer als Anleger über ein Engagement in privaten Märkten nachdenkt, sollte diese Verschiebung kennen, bevor er den Schlagzeilen folgt.
Das eigentliche Schwergewicht heißt Private Equity
Der alternative Fondsmarkt in Europa verwaltete Ende 2025 rund 8,5 Billionen Euro. Schlüsselt man die größte Kategorie auf — bei EFAMA „Other AIFs”, gut 3,3 Billionen Euro und knapp 40 Prozent Marktanteil —, zeigt sich ein klares Übergewicht: Private Equity macht etwa ein Viertel dieser Kategorie aus, rund 807 Milliarden Euro. Private Debt erscheint dagegen mit nur etwa 19 Milliarden Euro.
Dieser Kontrast ist allerdings mit Vorsicht zu lesen. Ein erheblicher Teil der Private-Debt-Strukturen taucht in der EFAMA-Systematik gar nicht unter diesem Etikett auf, sondern verbirgt sich in anderen Kategorien — etwa in Fonds für institutionelle Investoren oder in multi-asset-artigen Hüllen. Das tatsächliche Private-Debt-Volumen liegt also höher, als die 19 Milliarden suggerieren. Und doch bleibt die Kernaussage bestehen: Gemessen am Volumen ist Private Equity das mit Abstand größte Segment des europäischen Alternative-Universums. Die Aufmerksamkeit und das Kapital liegen nicht am selben Ort.
Die wahre Verschiebung ist ein Format, keine Anlageklasse
Noch aufschlussreicher als die Frage „welche Anlageklasse” ist eine andere Beobachtung. Die auffälligste Entwicklung der vergangenen fünf Jahre betrifft nicht ein Segment, sondern eine Bauform: den geschlossenen Fonds. Sein Anteil am europäischen AIF-Markt hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt, von elf auf 22 Prozent. Knapp 1,9 Billionen Euro stecken inzwischen in Strukturen, aus denen Anleger nicht täglich aussteigen können.
Das ist kein technisches Detail, sondern der Kern der ganzen Geschichte. Wer keine tägliche Rückgabe garantieren muss, braucht keine Liquiditätspuffer vorzuhalten und kann tiefer in jene Anlagen gehen, die genau für ihre Unverkäuflichkeit eine Prämie zahlen. In den privaten Märkten ist Illiquidität deshalb kein Makel, der wegerklärt werden müsste — sie ist das eigentliche Argument. Genau hier liegt aber auch die entscheidende Grenze für jeden einzelnen Anleger: Diese Prämie verdient nur, wer das gebundene Kapital über Jahre wirklich entbehren kann.
Der ELTIF: ein Versprechen, noch kein Markt
Bleibt die Frage, wer überhaupt Zugang zu dieser Entwicklung erhält. Lange war das eine Domäne institutioneller und sehr vermögender Investoren. Der European Long-Term Investment Fund, kurz ELTIF, sollte das ändern. Seit der überarbeiteten Verordnung Anfang 2024 lässt er sich ohne gesetzliche Mindestanlage an Privatanleger vertreiben — der vielzitierte „Gamechanger”, der private Märkte für ein breiteres Publikum öffnen soll.
Die Zahlen mahnen zur Geduld. Zum Jahresende 2025 repräsentierten ELTIFs gerade einmal gut ein Prozent der „Other AIFs”, rund 34 Milliarden Euro. Das Wachstum ist real, das Format ist regulatorisch geöffnet — aber von einem etablierten Massenmarkt ist der ELTIF noch weit entfernt. Treffender lässt es sich kaum sagen: Er ist bislang weniger ein Markt als ein Versprechen, auf dessen Einlösung die Branche noch wartet.
Was Anleger daraus mitnehmen sollten
Für die eigene Vermögensplanung ergeben sich aus diesen Daten mehrere nüchterne Lehren — gerade weil das Thema von Produktanbietern mit Nachdruck beworben wird.
Erstens: Schlagzeilen sind kein Kompass. Dass Private Debt überall besprochen wird, macht es nicht zum größten oder für jeden Anleger geeigneten Segment. Die Volumenführerschaft von Private Equity erinnert daran, das beworbene Thema vom tatsächlichen Markt zu unterscheiden.
Zweitens: Illiquidität ist Preis und Prämie zugleich. Private Märkte können eine Mehrrendite gegenüber börsennotierten Anlagen bieten, doch sie verlangen im Gegenzug, dass Kapital über lange Zeiträume gebunden bleibt. Wer es innerhalb dieses Zeitraums benötigen könnte, gehört nicht in diese Strukturen — unabhängig davon, wie attraktiv die Renditeerwartung klingt.
Drittens: Zugang ist nicht gleich Eignung. Dass der ELTIF Privatanlegern formal offensteht, beantwortet nicht die Frage, ob ein konkretes Produkt zu den eigenen Zielen, zum Anlagehorizont und zur Kostenstruktur passt. Gerade bei privaten Märkten sind Gebühren, Transparenz und die Qualität des Managers entscheidend — und schwerer zu beurteilen als bei einem schlichten Indexfonds.
Die übergeordnete Botschaft des Fact Book ist damit zugleich beruhigend und mahnend: Private Markets wachsen, die Strukturen professionalisieren sich, das Interesse ist echt. Doch die Gewichtung in der Berichterstattung folgt nicht immer der Realität der Zahlen. Wer hier investiert, sollte das aus einer durchdachten Allokationsentscheidung heraus tun — nicht, weil ein Segment gerade die Schlagzeilen bestimmt.












