Warum der 1-Euro-Einstieg aus meiner Sicht der falsche Weg ist
In den vergangenen Tagen war es in nahezu allen Finanzmedien zu lesen: ein bedeutender Finanzintermediär bietet ab sofort Zugang zu „Private Markets“. Mit den neuen Fonds von EQT und Apollo sollen nun auch Privatanleger für Summen bereits ab einem Euro in eine Anlageklasse investieren können, die bislang den ganz großen Investoren vorbehalten war – Universitäten wie Yale, milliardenschweren Stiftungen und internationalen Pensionsfonds.
Auf den ersten Blick klingt das nach einer kleinen Revolution. Endlich dürfen auch Kleinanleger die gleichen Chancen nutzen wie die Superreichen, endlich Zugang zu Private Equity, endlich „Investieren wie Yale“. Doch wer sich nicht von Hochglanz-Marketing blenden lässt, sondern die Fakten nüchtern betrachtet, erkennt schnell: Hier wird ein falsches Signal gesetzt – und zwar zum Nachteil aller Beteiligten.
Ich berate seit über 25 Jahren private wie institutionelle Anleger. Ich kenne die Strukturen von Private-Equity-Fonds, die Mechanismen der Vermögensverwaltung und die Herausforderungen bei der Vermittlung komplexer Produkte. Aus dieser Erfahrung heraus sage ich ganz klar: Ja, Private Markets sind ein wertvoller Baustein für Vermögende – aber nein, die neuen Angebote mit extrem niedrigen Einstiegssummen sind kein sinnvoller Weg, und ich möchte kurz darlegen, warum nicht.
Die Faszination Private Markets – und ihr Preis
Die Faszination ist leicht erklärt: Private Equity, Infrastruktur, Private Debt oder Immobilienvehikel haben in den vergangenen Jahrzehnten herausragende Renditen geliefert. Die US-Universität Yale erwirtschaftet seit Jahren zweistellige Erträge, Pensionskassen in den USA haben auf Zehnjahressicht im Median über 13 % pro Jahr erzielt.
Doch diese Renditen kommen nicht ohne Preis. Private Markets sind illiquide, egal was man ihnen erzählt. Punkt. Das Kapital wird über Jahre gebunden, Rückgabemöglichkeiten sind streng limitiert. Der Anleger verzichtet bewusst auf Flexibilität – und wird dafür mit einem Renditeaufschlag entlohnt. Genau dieser Renditeaufschlag ist es, der die Assetklasse attraktiv macht.
Damit dieser Effekt funktioniert, braucht es aber eine entscheidende Voraussetzung: Man muss ihn aushalten können. Wer Private Equity investiert, sollte im Zweifel mindestens zehn Jahre lang nicht auf das Kapital angewiesen sein. Das gelingt nur, wenn ein stabiles Kernportfolio aus liquiden Aktien- und Renteninvestments vorhanden ist.
Hohe Kosten fressen an der Rendite
Die zweite harte Realität: Private Markets sind teuer. Fondsmanager verlangen jährliche Verwaltungsgebühren zwischen 2 und 3 %, hinzu kommen häufig Performance Fees von 10 bis 20 % auf Gewinne. Für institutionelle Investoren gibt es günstigere Anteilsklassen, oft nur halb so teuer.
Schauen wir uns die aktuellen Retail-Produkte an: Jährliche Produktkosten von 2,6 % und mehr sowie erfolgsabhängige Gebühren wollen verdient werden. Rechnet man die letztgenannten Kosten mit hinein summieren sich die Kosten bei einer Haltedauer von z.B. 10 Jahren schnell mal auf bis zu 40 % des eingesetzten Kapitals. Bevor also überhaupt Rendite beim Anleger ankommt, müssen die Fondsmanager diese Kosten erstmal wieder einspielen.
Unfair oder nicht: Für institutionelle Kunden mit hohen Anlagesummen stehen deutlich günstigere Anteilklassen zur Verfügung, weil dort keine Vertriebsgebühren für Finanzintermediäre eingerechnet werden. Die Rechnung ist damit deutlich attraktiver.
Die Komplexität von ELTIFs
Der dritte Punkt ist die Komplexität. Ein ELTIF – also ein „European Long-Term Investment Fund“ – ist ehrlich gesagt kein einfaches Anlageprodukt. Wer etwas anderes behauptet stelle sich gerne der Diskussion mit mir. Bei ETIF geht es nicht darum, einen Knopf zu drücken und einen ETF ins Depot zu legen.
Ein Kunde, der in einen ELTIF investiert, muss verstehen:
- wie das Produkt rechtlich und technisch funktioniert,
- wie Ein- und Ausstiege geregelt sind,
- welche Laufzeiten gelten,
- welche Kostenstruktur hinterlegt ist, und vor allem,
- was das Underlying eigentlich tut:
- Private Equity bedeutet: Unternehmen kaufen, restrukturieren, wieder verkaufen.
- Infrastruktur bedeutet: Milliardenprojekte in Stromnetze, Glasfaser, Häfen oder erneuerbare Energien.
Das muss erklärt, verstanden und dokumentiert werden. Es ist eine der höchsten Komplexitätsstufen, die es im Investmentbereich gibt. In meiner Beratungspraxis dauert so ein Onboarding viele Gespräche, oft mehrere Wochen. Wir reden über Asset Allocation, über Liquiditätsbedarf, über Risikotragfähigkeit. Das lässt sich tatsächlich nicht mit einem Online-Formular und ein paar Klicks erledigen.
Warum der 1-Euro-Einstieg gefährlich ist
Und genau hier liegt das Problem: Wenn nun einige Anbeiter suggerieren, dass man schon mit einem Euro oder zehn Euro „dabei“ sein kann, wird die Komplexität ausgeblendet. Der Anleger denkt, er macht einen kleinen Testballon – doch tatsächlich investiert er in eine illiquide, teure und hochkomplexe Struktur, die er kaum versteht.
Für 100 Euro Einsatz lohnt es sich nicht, sich intensiv zu beschäftigen. Doch wer nicht versteht, worin er investiert, ist fehl am Platz – gerade bei Private Markets. Das Ergebnis: Enttäuschung, Frustration, Vertrauensverlust. Und am Ende verlieren alle: Der Kunde, weil er die Illiquidität und die Kosten nicht einkalkuliert hat. Der Anbieter, weil er unzufriedene Kunden und regulatorische Risiken in Kauf nimmt. Und die gesamte Branche, weil das Ansehen von ELTIFs Schaden nimmt.
Für wen Private Markets sinnvoll sind
Ich will nicht falsch verstanden werden: Ich halte ELTIFs für eine sehr gute Entwicklung. Sie öffnen Privatanlegern die Tür zu Anlageklassen, die bisher verschlossen war. Aber: Die Tür steht nicht für jeden offen, so einfach ist das aus meiner Sicht – Demokratisierung bei Investments hin oder her.
Sinn machen Private Markets für Anleger, die bereits ein gut diversifiziertes liquides Portfolio aus Aktien, Renten und Fonds besitzen. Für Anleger, die Vermögen im hohen sechsstelligen Bereich haben und fünf bis zehn Prozent davon langfristig binden können. Für Anleger, die bereit sind, sich mit der Komplexität auseinanderzusetzen und den langen Atem haben.
Für diese Anleger sind Private Markets ein wertvoller Baustein in der strategischen Asset Allocation. Sie diversifizieren, sie stabilisieren, sie können Renditepotenzial heben. Aber sie sind kein Produkt für Einsteiger oder Kleinsparer. Aber sie sind nichts für jedermann. Das “revolutionäre” Modell einiger Finanzintermediäre, schon ab einem Euro oder zehn Euro einzusteigen, als Influencer einen Deutschrapper quasi als Testimonial zu benutzen, ist zumindest aus meiner Sicht das falsche Signal – das kann und darf aber jeder anders bewerten. Dieses Vorgehen verkennt aus meiner Sicht eklatant die Komplexität, es verharmlost die Risiken und überdeckt die horrenden Kosten. Die Idee – den Zugang zu öffnen – ist richtig. Die Umsetzung – Kleinstbeträge in hochkomplexe, teure Strukturen zu lenken – ist falsch.
Nach 25 Jahren in der Beratung und Vermögensverwaltung bin ich überzeugt: ELTIFs können nur dann erfolgreich sein, wenn sie seriös positioniert werden – als Baustein für vermögende Anleger, nicht als Mitnahmeprodukt im App-Depot. Andernfalls riskieren wir nicht nur enttäuschte Kunden, sondern auch das Scheitern einer an sich guten Idee.









