Wer heute nur an der Börse investiert, sieht einen immer kleineren Ausschnitt der Wirtschaft. Die eigentliche Wertschöpfung hat sich verlagert – und das ist der stillste, aber wichtigste Grund, warum private Märkte überhaupt eine Rolle spielen.
Es gibt eine Zahl, die in der Diskussion über Private Equity und ELTIFs selten fällt, obwohl sie das Fundament der ganzen Debatte bildet: Die Zahl der börsennotierten Unternehmen in den entwickelten Märkten ist seit den späten neunziger Jahren deutlich gesunken. In den USA hat sie sich gegenüber ihrem Höhepunkt nahezu halbiert. In Europa ist der Trend schwächer, aber gleichgerichtet. Wer sein Depot ausschließlich aus börsennotierten Aktien baut, investiert also in einen Ausschnitt der Wirtschaft, der Jahr für Jahr schmaler wird.
Unternehmen bleiben länger privat – und das aus gutem Grund
Der Grund ist keine Laune, sondern Ökonomie. Ein Börsengang war früher der fast zwangsläufige Weg, um an Wachstumskapital zu kommen. Diese Notwendigkeit ist verschwunden. Private Equity, Wagniskapital und private Kreditgeber stellen heute so viel Kapital bereit, dass ein Unternehmen zehn oder fünfzehn Jahre wachsen kann, ohne je einen Prospekt zu veröffentlichen. Für die Gründer ist das bequem: keine Quartalsberichte, kein Aktivismus fremder Aktionäre, kein Druck, jede Entscheidung dem Markt zu erklären.
Die Folge ist unbequem für Privatanleger. Ein großer Teil der Wertsteigerung eines erfolgreichen Unternehmens findet inzwischen statt, bevor es an die Börse kommt – wenn es überhaupt noch dorthin kommt. Wer erst beim Börsengang einsteigt, kauft ein Unternehmen, das seine dynamischste Phase oft schon hinter sich hat. Die Beispiele der vergangenen Jahre, von der Software- bis zur KI-Branche, zeigen dasselbe Muster: Bewertungssprünge im dreistelligen Milliardenbereich, vollzogen im Privaten.
Was das für die Portfoliokonstruktion bedeutet
Daraus folgt nicht, dass jeder Anleger nun private Märkte braucht. Es folgt aber, dass das klassische Aktien-Anleihen-Portfolio einen strukturellen blinden Fleck bekommen hat. Ein Weltaktienindex bildet die börsennotierte Welt gut ab – nur ist diese Welt eben nicht mehr die ganze. Genau hier setzt das Argument für Private Equity an: nicht als Renditeversprechen, sondern als Zugang zu einem Segment der Wirtschaft, das der Börse zunehmend entzogen ist.
Die Betonung liegt auf Zugang, nicht auf Garantie. Denn der Preis dieses Zugangs ist real: gebundenes Kapital über viele Jahre, höhere Kosten, geringere Transparenz und eine große Streuung zwischen guten und schlechten Fondsmanagern. Wer aus dem Schrumpfen der Börse ableitet, dass private Märkte „alternativlos” seien, überzieht. Wer daraus ableitet, dass ein reines Börsenportfolio einen wachsenden Teil der realwirtschaftlichen Wertschöpfung nicht mehr erfasst, liegt richtig.
Die nüchterne Lehre lautet: Das Öffnen der privaten Märkte für Privatanleger ist keine Modewelle, sondern eine Antwort auf eine echte Verschiebung. Ob man diese Antwort für das eigene Depot braucht, hängt vom Anlagehorizont, von der Liquiditätsreserve und von der Bereitschaft ab, Komplexität und Kosten zu tragen. Aber die Frage überhaupt zu stellen, ist heute berechtigter als noch vor zehn Jahren.
Passend zum Weiterlesen:
„Die stille Revolution – wie Private Markets plötzlich für private Anleger geöffnet werden” und
„8,5 Billionen Euro: Wo das Geld in den privaten Märkten wirklich liegt“












